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Ausgabe #10 ist erschienen

Les Madeleines   

»Solidarität mit dem Konzept!«

Warum die Beschäftigung mit der Definitionsmacht sinnlos geworden ist

 

Was sich in Steubenville, Ohio, im vergangenen Sommer abspielte, wird sich so oder so ähnlich zuvor bereits in zahllosen anderen Städten ereignet haben. Zwei Mitglieder der Football-Mannschaft der örtlichen Highschool hatten ein halb bewusstloses Mädchen zu einer Party geschleppt und dort mehrfach vergewaltigt, während ihre Kumpels die Tat filmten und via Twitter begeistert kommentierten. Außergewöhnlich war einzig, dass durch den Einsatz einiger Internet-Aktivisten, die an die Bilder und Textmessages gekommen waren, die Tat öffentlich gemacht werden konnte. In der Folge wurden zahlreiche weitere Fälle von Vergewaltigungen im Umfeld von Highschool- und Collegeteams namhaft gemacht, die von den zuständigen Polizei- und Universitätsdienststellen nicht weiter verfolgt oder gar aktiv vertuscht worden waren, und es begann in den US-amerikanischen Medien eine ungewöhnlich breite Diskussion über jene »rape culture«, welche jungen Männern – insbesondere denen, die als Sportler der Stolz des Städtchens oder des Campus sind – vermittelt, es sei ihr gutes Recht, sich Frauen, auch mit Gewalt, sexuell gefügig zu machen.

In Deutschland allerdings bekam man von dieser Diskussion kaum etwas mit. Nicht nur die Mainstream-Medien schwiegen über den Fall, auch Linke und FeministInnen zeigten merkwürdig wenig Interesse. Hierzulande beschäftigt sich die Szene halt immer noch am liebsten mit dem, was ihr das wichtigste dünkt: sich selbst. Ausdruck dessen sind nicht zuletzt die periodisch aufflackernden Kampagnen zur so genannten »Definitionsmacht«. Mit deren Propagierung, so das vorherrschende Credo, sei endlich eine radikale Antwort auf sexuelle Gewalt gefunden: Eine Frau bestimmt selbst, was sie als Vergewaltigung begreift, ohne dass dies von Dritten in Frage gestellt werden kann. Nur hat sich inzwischen gezeigt, dass es vor allem die Szene selbst ist, die dadurch der Notwendigkeit enthoben wird, sich einen Begriff von Vergewaltigung zu bilden, und es daher nicht die Opfer sind, die von der Definitionsmacht profitieren, sondern all die Gruppen und Grüppchen, die sich zu ihrer Ignoranz gegenüber sexueller Gewalt und ihrer gesellschaftlichen Vermitteltheit auch noch ein gutes Gewissen machen können.

In der Vergangenheit haben wir mehrfach, zuletzt in dem Dossier »Kein Kavaliersdelikt« (Jungle World 32/2010) , große Mühe darauf verwandt, nachzuweisen, warum es sich bei der Definitionsmacht um alles andere als ein feministisches Konzept handelt: warum es nicht zur verschärften Skandalisierung, sondern ganz im Gegenteil zur Verharmlosung und Verniedlichung von Vergewaltigungen führt, wenn unter diesen Namen alles von der erzwungenen Penetration bis zur plumpen Anmache subsumiert werden kann; warum diese begriffliche Willkür nur zur praktischen führen kann, zur gemeinschaftlichen Hatz auf »Täter« und »Täterschützer«, die sich vergleichbaren Kampagnen der Bild-Zeitung bis in die Wortwahl hinein anähnelt; warum die Definitionsmacht und ihr Einsatz für Verhandlungsmoral und »Konsensprinzip« die urbürgerliche Vorstellung von Sexualität als einem einzigen großen Minenfeld reproduziert, durch das nur absolute Selbstkontrolle sicher geleiten kann; warum schließlich die Form des wortlosen Treu und Glaubens die Betroffenen sexueller Gewalt nicht entlastet, sondern vielmehr mit ihrem Schicksal alleine lässt.

Zum Dogma der Definitionsmacht gehört, dass jeder Rekurs auf Objektivität einengend und verfälschend sei; denn, so heißt es häufig, Vergewaltigung sei, weil nicht objektiv beweisbar, darum auch nicht definierbar – ganz analog, als ließe sich, weil deutsche Gerichte zahllose Nazi-Mörder ›aus Mangel an Beweisen‹ freisprachen, nicht mehr für alle einsehbar angeben, was die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden war. Gerade aber, weil Sprache auf ein Allgemeines zielt, darauf also, dass andere einen verstehen können, eröffnet sie den Raum für Subjektivität. Traumatisch ist, wie jedes Gewaltopfer bestätigen kann, die Gewissheit, dass es für das, was einem oder einer angetan wurde, kein Wort gibt: dass man mit dem eigenen Erleben allein bleibt. Und genau auf diesen Zustand schreibt die Definitionsmacht die Betroffenen sexueller Gewalt fest, indem sie ihnen aufträgt, sich an nichts zu orientieren als bloß dem eigenen Gefühl.

Das Ergebnis ist zugleich Kitsch und Rohheit. Kitsch, weil es ein Bild der Frau konstruiert, wie das Patriarchat es liebt: misstrauisch gegenüber begrifflichem Denken, aber in Intuition ganz groß. Und Rohheit, weil die Konsequenzen davon nicht nur die zu spüren bekommen, die (ob zu recht oder zu unrecht) als Täter ausgemacht werden, sondern auch die, die mit ihrem Leid alleine gelassen werden: als tickende Zeitbomben, denen gegenüber nicht nur jedes falsche, sondern überhaupt jedes Wort zur Sache sogleich zu »flashbacks« führen kann und darum besser zu unterlassen ist. Von Verfahrensregeln und Kommunikationsvorgaben eingehegt und von Awarenessgroups, Unterstützerkreisen und Täterumgangsgruppen ummantelt, scheint weniger die Betroffene geschützt als die anderen Beteiligten vor ihr und den verstörenden Erfahrungen, die sie vielleicht verkörpern könnte. ›Wenn Du es so wahrgenommen hast‹, sagt die Definitionsmacht, ›wird es auch eine Vergewaltigung gewesen sein‹ – und mehr will ich auch gar nicht wissen.

Es ist exakt jene Tendenz zur Selbstabdichtung, die sich, seit es die Definitionsmacht gibt, mehr und mehr als ihr dominanter Zug erwiesen hat. Fast wünscht man sich die Zeiten zurück, als die entsprechenden Gruppen wirklich noch auf Menschenjagd zogen, Veranstaltungen mit Trillerpfeifen stürmten oder, wie 2001, eine Szenekneipe mit CS-Gas angriffen, weil man dort einem »Täter« ein Bier serviert hatte. Heute geht alles etwas gesitteter zu, im gleichen Maße aber lebloser. KritikerInnen der Definitionsmacht, so haben wir in den letzten Jahren erfahren dürfen, werden nicht mehr wütend als »Täterschützer« bepöbelt. Es wird ihnen vielmehr, wie einem etwas begriffsstutzigen Kind, ruhig und sachlich erklärt, sie seien nicht diskussionswürdig, da sie, so die immer wiederkehrende Formulierung, nicht »solidarisch mit dem Konzept« seien. Früher hat man den Definitionsmacht-VertreterInnen ideologiekritisch vorgerechnet, sie trügen ihr Konzept wie ein Fetisch vor sich her, um sich zur Pseudopraxis das gute Gewissen zu verschaffen; heute erklären sie ganz von sich aus, solidarisch seien sie nicht mit Menschen, sondern bloß mit jenem gedanklichen Prinzip, über das sie selbst sich definieren.

Es geht, man kann es kaum anders bezeichnen, um den Genuss der eigenen Identität. Aus den einschlägigen Texten der letzten Jahre ist jede Frontstellung gegen Misogynie und mackerhafte Zumutungen, jeder Antagonismus verschwunden. »Als Täter benannt zu werden«, schwärmt ein auf einem Awarenessdesk vertriebener Flyer, »ist ein Geschenk«, und empfiehlt dem, der eines Übergriffs bezichtigt wurde, als korrekte Vorgehensweise: »Wenn die andere Person keinen Körperkontakt möchte, finde heraus, wie du das sicherstellen kannst. (Z.B. trink nicht noch ein Bier mehr, schlafe mit deinen Klamotten an, sprich diese Entscheidung laut aus, bevor du auch ins Bett gehst, sprich darüber, welche Körperteile euch antörnen und vermeide, sie zu berühren.)« Die Beschäftigung mit sexueller Gewalt, lernen wir zu unserer Erleichterung, muss also eine kuschelige Stimmung gar nicht verleiden. Auch das in der Szene beliebte Handbuch Antisexismus_reloaded (S. 48) rät im Umgang mit Betroffenen einer Vergewaltigung erst einmal zu einem schönen warmen Kakao. Idealtypisch fasst diese Friede-Freude-Eierkuchen-Haltung ein Offener Brief zusammen, der einleitend bei einer Veranstaltung des Autonomen Feministischen Kollektiv (AFK) Hannover verteilt und verlesen wurde: Als sie das erste Mal vom Konzept der Definitionsmacht gehört habe, schreibt die Autorin, fand sie es »wundervoll, total schön«.

Die überall präsenten Warnungen vor Triggern, die fast hysterische Furcht vor schlimmen Wörtern (zu den four-letter-words, die man besser mit Sternchen schreibt, gehört im Englischen inzwischen nicht nur c*nt, sondern auch r*pe), stehen zu der Kuschelstimmung gar nicht im Widerspruch. Ganz im Gegenteil: Je weniger es noch gegen konkrete Mackerärsche und patriarchale Strukturen geht, umso mehr gerät Sprache selbst als übergriffig ins Visier. Das gilt nicht nur für die der KritikerInnen, die gerne als theoretisch, abstrakt, gefühllos, kurz: als viel zu wenig bodenständig gegeißelt wird. Als zudringlich erscheint alles, was unter die Haut zu gehen droht: jede Erinnerung an das Grauenvolle, was Menschen angetan wird. Dann können auch die ruhigen, besonnenen AnhängerInnen der Definitionsmacht schon einmal fünsch werden. Wenn etwa (wie auf der erwähnten AFK-Veranstaltung geschehen) die Referentin daran erinnert, dass das subjektive Gefühl schon allein deswegen ein äußerst unzuverlässiges Kriterium ist, weil einige der schlimmsten Gewalttaten, etwa die Genitalverstümmelung, von vielen Opfern subjektiv nicht als Gewalt erfahren werden, dann meldet sich umgehend ein erboster Zuhörer zu Wort und beschwert sich, hier solle wohl mal wieder das Bild der unaufgeklärten Muslima verbreitet werden; es möge bitte ein anderes Beispiel gefunden werden. Und wenn (wie dort ebenfalls geschehen) ein Diskutant das Publikum mit der Frage konfrontiert, wie es reagieren würde, wenn eine Frau erklärte, ein »Nigger« habe sie vergewaltigt, dann wird nicht etwa über die Verknüpfung von Rassismus und Vergewaltigungsvorwurf diskutiert, wie es sie ja nicht allein in der Lynchpraxis der Südstaaten gab, und davon ausgehend über die Zweifel, die in so einer Situation doch wohl jede und jeder gegenüber dem Vorwurf hätte (ohne dass dieser aufgrund der Verwendung des rassistischen Wortes automatisch falsch sein müsste) – sondern der Redner wird, von einer weißen Moderatorin und unter Beifall eines ausschließlich weißen Publikums, wegen Benutzung des N-Worts aus dem Saal gewiesen.

Die in der Definitionsmacht angelegte grenzenlose Ausweitbarkeit erlaubt, wie die Beispiele zeigen, ihre Anwendung weit über das ursprünglich vorgesehene Gebiet hinaus. In den letzten Jahren hat sie hierzulande, in Verbindung mit »critical whiteness«, vor allem in antirassistischen Kontexten für Wirbel gesorgt. Genausowenig aber wie in der Frage der Geschlechterverhältnisse geht es auch hier darum, Opfern von Gewalt gerecht zu werden. Die Orientierung auf die eigene Identität als schöne Seele; der Anspruch darauf, sich in der Gruppe wohlzufühlen, ohne an die Zumutungen der Außenwelt erinnert zu werden, tritt hier vielleicht nur noch drastischer zum Vorschein. Wenn eine Combo namens Reclaim Society eine Ausstellung über den alltäglichen Rassismus in Fußballstadien unterbindet, weil sich auf den entsprechenden Ausstellungstafeln ja rassistische Wörter finden, dann könnte sie eigentlich gleich fordern, es sollten sich einfach alle die Augen und Ohren zuhalten. Das zusätzliche Bonbon ist freilich, dass Hautfarbe noch viel weniger eindeutig festzulegen ist als die Geschlechtszugehörigkeit – weswegen sich der Definitionsmacht jeder bedienen kann, der sich, wie es bei Reclaim Society heißt, »im deutschem Kontext ... als Person of Color positioniert« . Man muss halt nur den Jargon beherrschen.

KritikerInnen der Definitionsmacht wird gerne entgegengehalten, sie hätten ja gar keine Alternative. Wäre das nicht immer schon als Abwehrgeste gemeint, wären darauf durchaus Antworten denkbar – kein Patentrezept natürlich, aber doch ein paar Vorschläge zum Vorgehen. Zuvörderst den, zu trennen, was unter der Ägide der Definitionsmacht so ununterscheidbar verschmolzen worden ist, dass nichts davon mehr funktioniert: politische Intervention, therapeutischer Eingriff und Unterstützung im FreundInnenkreis. Das hieße freilich, jene merkwürdigen Omnipotenzphantasien aufzugeben, an denen sich die Szene so berauscht (während sie zugleich alles daran setzt, sie niemals praktisch unter Beweis stellen zu müssen). Wer psychologische Arbeit betreiben will, sollte sich entsprechend qualifizieren – und das meint mehr als die Lektüre eines Hobbyratgebers. Wer als Freund oder Freundin da sein möchte, wenn jemand Nahestehendem Schlimmes geschehen ist, kann in der Regel kaum mehr tun, als ihn oder sie ernst zu nehmen – und das heißt nun allerdings mehr und anderes, als zu Protokoll zu nehmen, auf welchen juristischen Terminus der oder die Betroffene das Geschehene bringt. Ein politischer Zusammenhang aber hätte zu tun, was RevolutionärInnen seit alters her getan haben: die Öffentlichkeit mit den Erfahrungen der Unterdrückten zu konfrontieren; herauszuschreien, was den Menschen angetan wird – ob nun den ArbeiterInnen, den Schwarzen, den Jüdinnen und Juden, den Homosexuellen oder den Frauen. Solange die Linke aber, mit Verweis auf die Prinzipien der Definitionsmacht, sich diese Erfahrungen selbst vom Leibe zu halten sucht; solange sie sich für nichts interessiert als ihre durch ihr Konzept verbürgte moralische Vortrefflichkeit, solange ist dann eben nichts zu machen. Wenn doch wirklich alles so wundervoll und total schön in der Szene ist, mag sie, in Gottes Namen, damit auch glücklich werden. Eine schlimmere Strafe, als sie in ihrem eigenen Sumpf schmoren zu lassen, ist wahrscheinlich ohnehin kaum denkbar.


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