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Mai, 2019:
Ausgabe #10 ist erschienen

Eiko Grimberg

Future History

 

Die Bilder der Serie sind Eiko Grimbergs Fotoessay »Future History« entnommen. Grimberg beschäftigt sich hier mit der faschistischen Architektur Italiens. Im Fokus steht dabei das Verhältnis moderner und klassizistischer Anteile.
Der unverkrampfte Umgang mit diesen Bauten heute spiegelt gleichzeitig den Umgang mit dieser faschistischen Vergangenheit insgesamt. Die moderne italienische Architektur, die Grimberg in seinem Buch zeigt, wurde für einen anderen politischen Kontext gebaut, als den, in dem sie heute zu sehen ist. Sie hat ihn überlebt. Diese Gebäude werden nach wie vor als Postämter, Kindergärten, Bahnhöfe oder Ministerien genutzt. Ihrer früheren Funktion als visuelle Repräsentanz des faschistischen Staates sind sie entledigt.
Dennoch bezeugen sie als Bauten weiterhin die faschistische Geschichte und ihre Ideale. Sie bleiben als Bauten in allen ihren Elementen politisch.
Ihre Auftraggeber, die Funktion der Gebäude und die Selbstauskunft der Architekten in ihren Manifesten bezeugen ihren ideologischen Charakter. Selbst der Stein, aus dem sie gebaut wurden, kann ideologisch sein, wenn aufgrund von Autarkiebestrebungen einheimische Materialien bevorzugt und entsprechende Vorgaben in den Wettbewerbsausschreibungen gemacht wurden.
»Wenn sich die Architekten als Kinder ihrer Zeit verstanden haben, dann ist das als politische Haltung ernst zu nehmen. Und dieser Zeitgeist war der Faschismus«, sagt Grimberg.
Eigenartig wirkt der Pluralismus der frühen italo-faschistischen Architektur: bis in die 1930er Jahre wurde sowohl rationalistisch, im Sinne der europäischen Moderne und traditionell, im Sinne des Neoklassizismus gebaut. Dieser Sachverhalt wird im Buchtitel »Future History« aufgegriffen.
Mussolini hat zunächst unterschiedliche Schulen zugelassen. Es gab keine ästhetische Doktrin. In den ersten Jahren konkurrierten Passatisten und Futuristen. Die jungen Architekten des Gruppo 7 eiferten Architekten der europäischen Moderne wie Corbusier, Gropius und Salvisberg nach und strebten eine italienische Variante des Internationalen Stils mit nationalen Eigenheiten an. »Wir wollen einzig und allein exakt unserer Zeit angehören, und unsere Kunst will die sein, die die Zeit erfordert. Ihr ganz und gar angehört zu haben, mit all ihren guten und schlechten Seiten, das wird unser Stolz sein«, heißt es in ihrem Manifest.
Die Konkurrenz, die so genannte Römische Schule setzte auf einen moderaten Modernismus mit einigen neoklassizistischen Elementen. Der Pluralismus in der Architektur des faschistischen Italiens verschwand erst nach der Ausrufung des Imperiums 1936. Danach setzte sich der dem Neoklassizismus verwandte Stile Littorio durch, den man heute gemeinhin als klassischen faschistischen Stil kennt.

Radek Krolczyk