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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Das Wetter

 

Fundament jeder Grundlage
Sprache ist, wie man an jeder Ecke erzählt bekommt, Herrschaft. Kampf gegen Sprache ist daher Kampf für Herrschaftslosigkeit. In der Zeitschrift der österreichischen HochschülerInnenschaft »Unique« (10/13) wird ein neues Buch von Alih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß rezensiert: »Statt sich auf starre Erklärungsmuster zu versteifen, stellen Wolter und Voß Fragen: Sie zeigen auf, was ,Ökonomiekritik‹ mit Kapitalismus nicht mehr zu tun hat und wie Kämpfe, die ihren Kern nicht benennen können, zahnlos werden.« Kämpfe haben Kerne, Zähne und können sprechen. Es gibt auch keine Erklärungen, sondern nur Muster davon, und wenn es ganz schlimm kommt, versteift man sich auf etwas starrem. Was außerdem zeigt, dass Fragen stellen und Antworten darauf geben nur mehr oder weniger miteinander zu tun haben. HR

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Offene Lebenswelten
Heinz-Jürgen Voß hat es mit dem Fragen stellen. Auch mit rhetorischen: »Warum produzieren und reproduzieren Leute, die sich doch gegen Antisemitismus wenden wollten, in krassem Maße selbst völkisch antisemitische Stereotype? Liegt es an den begrenzten mehrheitsdeutschen linken Kontexten, in denen in der Regel weiße Typen unter sich sind? Kommt die Sozialisation im westdeutschen kleinstädtischen Einfamilienhaus durch, die in der Regel keinen Kontakt zu Jüd_innen und Muslim_innen sowie allgemein zu vielfältigen, offenen Lebenswelten ermöglicht?« [http://dasendedessex.de/ende-jetzt-der-primaere-antisemitismus-der-genannten-antideutschen/] Also schnell raus aus dem Einfamilienhaus und husch-husch ins Ghetto, zum Judenkennenlernen. HR

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Kleinere Übel
Eine Frage bewegt die Menschheit: »Was haben Lenin, Mao und Ursula von der Leyen (CDU) gemeinsam?« (http://www.jungefreiheit.de/Gender-Mainstream.175.0.html) Die »Junge Freiheit« kennt die Antwort: »Auch die bisherige Familienministerin hängt einer Ideologie an, die sich nicht mit dem Mensch als Mängelwesen abfinden will, wie er nun mal ist, sondern einen neuen Menschen schaffen will, wie er gefälligst sein soll.« Ganz im Gegenteil zu Hitler, der den Menschen als Mängelwesen ganz und gar akzeptierte und damit zumindest in diesem Punkt doch besser wäre als Lenin und von der Leyen. HR

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Psychopathia sexualis
Das »…um’s Ganze«-Bündnis erklärt das Verhalten der Bevölkerung in der Krise. Sozialpsychologisch, versteht sich: »Gesellschaftlich produziertes Elend wird als persönliches Versagen vorgeführt. Die Betroffenen erscheinen als verachtenswerte Dummköpfe, und erlauben so noch dem kleinsten Rädchen, sich mit Standort und Lohnsystem zu versöhnen. Sozialpsychologisch ist das eine sadomasochistische Verhaltensweise« (http://blockupy-frankfurt.org/772/umsganze-aufruf/). Bleibt hinzuzufügen: und sowieso voll schwul! HR

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Frohe Botschaften
»43 Verletzte bei Blitzeinschlag auf Festplatz am Vatertag« meldet WEB.DE. Ein Grund, feministische Theologie vielleicht doch ernst zu nehmen. HR

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Stasi, mit ihren Sozialamt-Methoden
Ex-Minister Norbert Blüm teilt seine Ängste mit den Lesern der »Süddeutschen Zeitung« (2.12.2013): »›Bist du reich oder bist du arm?‹ Das wird zum Ohrwurm des Sozialsystems. Mit einer Rentenversicherung hat das nicht mehr viel zu tun. Die interessiert sich ausschließlich für die Frage: ›Warst du solidarisch und hast Beiträge bezahlt?‹ Ich will nicht in einem Schnüffelstaat leben, auch nicht unter dem Vorwand, dass er dadurch ein Sozialstaat sei. Dann wäre der Sozialstaat Nachfahre des alten Polizeistaates in der Maske des Wohltäters.«
Der »alte Polizeistaat«, welcher auch immer damit gemeint ist, wurde vom Sozialstaat abgelöst, der Arbeitslosen verbietet, ihren Wohnort ohne Genehmigung zu verlassen und der Sozialermittler in Wohnungen der Hilfeempfänger schickt, die auf der Suche nach eheähnlichen Gemeinschaften WGs durchwühlen. Nun sei das Idyll gefährdet von der Frage nach Arm und Reich (gäbe es die Unterscheidung nicht, wäre auch kein Sozialstaat nötig) – doch das schlimmste kommt noch. »Das ›staatlich garantierte Mindesteinkommen‹ wird das krönende Ende sein […]. Das ist einfach, nivelliert und ungerecht.« HR

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Drüben und Hüben
Die Proteste gegen Stuttgart 21 sind »aus Sicht vieler Stuttgarter und des Ordnungsbürgermeisters Martin Schairer«, wie die FAZ (3.12.2013) schrieb, »selbst zu einem Ärgernis geworden«. »Jeden Montag kommen 8500 Fahrgäste der städtischen Verkehrsbetriebe zu spät von der Arbeit nach Hause, jeden Montag verbuchen die Einzelhändler spürbare Umsatzeinbußen.« Anders in Kiew, wie dieselbe Ausgabe zu berichten wusste. Dort blockieren Demonstranten das »Regierungsviertel in Kiew mit Autos und Barrikaden«. Und damit nicht genug: »Am Montag ist nach dem begrenzten Gewaltausbruch am Sonntag buchstäblich kein einziger Polizist im Zentrum von Kiew zu sehen.« Wer in Stuttgart demonstriert ist eine ärgerliche Nervensäge. Wer in Kiew die Regierung blockiert und die Polizei verjagt, beweist dass »die EU auch in der Krise für viele Osteuropäer noch attraktiver ist als (das) kraftmeiernde Russland«. Schließlich geht es da um den »berechtigen Kampf für freie Entscheidungen, die sie gerne auch selber treffen würden«. HR

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Wir schmeißen mit Textbausteinen
In ihrem Gründungspapier »Wir schmeißen mit Grundsteinen« schreibt die Hannoveraner Gruppe »grisu« [https://linksunten.indymedia.org/de/node/87987] »gegen das Wiederkäuen dumpfer Parolen, Dogmen und Ideologien« an. Kein Wunder, denn die AutorInnen haben es drauf: »Jede_r Einzelne von uns wurde unterschiedlich politisiert und inspiriert, wie etwa durch Frauenkämpfe, Antifabewegung, Tierrechtsbewegung, widerständige Subkulturen oder autonome Politik« Das »Frauenkämpfe« wörtlich nicht Kämpfe der Frauenbewegung, sondern Damenringen bedeutet, wissen die zwar nicht, aber dafür wissen die etwas viel wichtigeres: »Doch nicht allein diese Verhältnisse existieren noch, sondern auch diejenigen, die sie überwinden wollen, mit all ihrer mal mehr, mal weniger klar artikulierten Wut.« Fern von dumpfen Parolen, geschweige denn Dogmen und Ideologien, soll es mal darum gehen, seine Wut in die Welt rauszuschreien. Wut ist gut. Aber nicht immer: »Wir teilen sie jedoch nicht mit jenen, die ihre Wut lieber auf Sündenböcke richten, als die Verhältnisse als solche anzugreifen und zu kritisieren.« So ganz ohne Dogmen und Ideologien wütend sein – fein. Aber Wut soll das Richtige treffen. Zu erklären, was richtig und was falsch ist – da käme man wieder auf Ideologien und Dogmen. Lieber einfach lieb zueinander und wütend auf die richtigen Falschen sein: »Wir sehen uns an dieser Stelle mit dem Problem konfrontiert, all die Gründe für unsere Wut zu benennen, ohne in eine monotone Aufzählung zu verfallen, die Gefahr läuft, Hierarchien zu schaffen oder zu vermitteln. […]Die gegenseitige Unterstützung in allen Lebensbereichen stellt für uns die Basis unseres Handelns dar, da diese auch von äußeren Umständen und unseren Befindlichkeiten bestimmt und teilweise begrenzt wird.« Befindlichkeit ist so ziemlich das Gegenteil von Parolen, Dogmen und Ideologien. Es ist gänzlich undogmatischer Ausgangspunkt, das eigenes Fühlen und Meinen für die Welt Richtungsweisend sein sollen. »So versuchen wir der Vereinzelung in der bürgerlichen Gesellschaft etwas entgegen zu setzen. Die Grundlage für unser gemeinsames Handeln liegt unseres Erachtens somit im Privaten.« Kaum eine dumpfe Parole wird ausgelassen, wenn es darum geht »Mut aufzubringen das Bestehende zu negieren und die Dinge neu und anders zu denken, um daraus konkrete Utopien zu entwickeln.« Wenn von der »Einrichtung einer emanzipatorischen Gesellschaft oder zumindest die Annäherung an dieses Idealbild« die Rede ist, dann stellt man schon mit Entsetzen fest: »Die derzeitige Krise offenbart die Unfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, allen Menschen eben dieses – im besten Sinne – gute Leben zu ermöglichen.« Im besten Sinne ist gutes Leben zwar kein Zweck der Wirtschaftsordnung, dem die Unfähigkeit es zu verwirklichen attestiert wird, aber ein passabler Parolensalat ist angerichtet. Der Kampf geht weiter. HR

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Bockgesänge
Uri Avnery teilt in der »Linken Zeitung« unter dem Titel »Das Engelsgesicht des israelischen Faschismus« mit, was ihm zu israelischen Abgeordneten Ayelet Shaked einfällt: »Wenn man ihr Gesicht im Fernsehen sieht, ist man von ihrer Schönheit sehr beeindruckt. Es ist das Gesicht eines Engels, rein und unschuldig. Dann öffnet sie ihren Mund, und was aus ihm kommt ist widerlich und hässlich: die rassistische Botschaft der extremen Rechten. Es ist, als sähe man einen Cherub mit geöffneten Lippen, die die Zähne eines Vampirs enthüllen. Ayelet Shaked mag die Schönheitskönigin der gegenwärtigen Knesset sein. Ihr Name ist verführerisch: Ayelet bedeutet Gazelle, Shaked Mandel.« [http://www.linkezeitung.de/index.php?option=com_content&view=article&id=17467:das-engelgesicht-des-israelischen-faschismus-&catid=183&Itemid=214] In welcher Sprache nochmal steht »Uri« für Bock und »Avnery« für »altersgeil«? HR

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Bodenständig
»Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen« heißt es im »Niedersachsenlied«. In die Sprache der zeitgenössischen agrarromantischen Politlyrik von »reclaim the fields« übersetzt klingt es dann so: »Auf dem einen Boden Wachsen unsere Pflanzen/Auf dem anderen: Wir«.(Einladungsflyer für das Treffen am Burg Lutter) HR

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Für alles andere gibt es Master-Card
Das »Netz Umsonstökonomie« stellt Fragen. Kritische, versteht sich. Weil: »wenn du dein Konsumverhalten kritische hinterfragst & veränderst ... kannst du Zeit gewinnen, z.B. für sinnvolles, lustvolles Tun«. Weil: Konsum sei weder sinnvoll, noch lustvoll. Das wird sofort klar, wenn man sich die Frage beantwortet: »Glücklich und Zufrieden mit deinem letzten Kauf? Hast du damit ein Bedürfnis befriedigt, oder wird kaufen zu einem Selbstzweck?« Wenn Kaufen zum Selbstzweck geworden ist, wird damit auf jeden Fall ein Bedürfnis befriedigt. Nämlich das nach dem Kaufen. Für was hat man noch mehr Zeit, wenn man nicht kauft? »Für Kontakte / Freund*Innen«. Weil wahre Freundschaft keinen Konsum braucht und sich der ach so entfremdete Konsum immer als Gegenstück zu Kommunikation, Gitarre am Lagefeuer und Nächstenliebe vorgestellt werden muss. HR

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Herrschaft ist…
»…die Möglichkeit, Abläufe und Verhältnisse so regeln zu können, dass andere die negativen Folgen erleiden müssen.« (gruenewoche.blogsport.de)
Wer eine Bananenschale wegwirft, auf der ein anderer ausrutscht, übt Herrschaft aus. HR

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Richtigstellung
In der Ankündigung der Veranstaltung »Antisemitismusvorwurf als ideologische Waffe« mit der Journalistin Susann Witt-Stahl (stattgefunden am 9. April 2013 in der Villa Ichon), wird festgestellt:
Der moderne Antisemitismus ist eine Ideologie. Die Auswirkungen dieser Form von falschem Bewusstsein haben in dem von Deutschen begangenen Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet. Diese Tatsache ist unbestreitbar.
Damit das klar ist: Gegen die VeranstalternInnen und ReferentInnen ist die ideologische Waffe des Antisemitismus stumpf, schließlich sind sie keine HolocaustleugnerInnen. EB

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Solidarität mit toten Juden
»Geschmacklos« fand das Bremer Friedensforum, dass am mit der »Uni-Nacht XL« ausgerechnet am 75. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 eine große Studentenparty stattfinden sollte. In Fragen des geschmackvollen Gedenkens wende man sich in Zukunft an jenes Bremer Friedensforum, das ansonsten durch Boykottaktionen gegen Israel auffällt und gerne verhindern würde, dass Waren von lebenden Juden gekauft werden. EB

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Epistolae obscurorum virorum
Im Hannoveraner »Autonomen Blättchen« (Ausgabe 14) warnt »leseratte« vor E-Books: »E-Book? Weg mit dem Dreck! […] Alles was du mit deinem E-Book machst, wird gespeichert – und zum Eigentum von Amazon, google oder Apple.« Die damit finstere Pläne verfolgen: »Die E-Book-Konzerne und Verlage werten die Daten aus, begutachten dein Leseverhalten, gleichen es mit dem anderer ab, schauen welches Buch warum an welcher Stelle vielleicht abgebrochen wurde, schaffen Angebote die zur dir passen«. Nicht nur, dass diese über E-Books anscheinend in den Kopf des Leser schauen, um zu erfahren, warum man die Lektüre unterbricht, nein, das Schlimmste kommt noch – passende Angebote drohen! Daher rät die Leseratte: »Scmeiß das Ding weg! Es ist nichts anderes als ein Überwachungsinstrument.« HR

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Luxus für alle
Die FAZ hat der alten ukrainischen Regierung, liebevoll »Regime« genannt, ein ums andere mal die Maske gnadenlos vom Gesicht gerissen: Später hat das Regime die Taktik gewechselt. Nach massivem internationalem Protest wurde im Krankenhaus Charkiw ein medizinisch gut ausgestatteter Isolationstrakt geschaffen, Ärzte der Berliner Charité erhielten Zugang. Die Waffe des Regimes war jetzt Isolation, Überwachung und ständig neue Beschuldigungen bis hin zum Mordvorwurf. Ein goldener Käfig mit Panzertüren, Metalldetektoren, abgeklebten Fenstern und omnipräsenten Videokameras ersetzte die Kerkerzellen der Lukijaniwka. Selbst bei Arztgesprächen waren Aufpasser dabei, und einmal ließ das Regime sogar verdeckte Aufnahmen von Julija Timoschenkos Krankengymnastik durchsickern, um die »Luxusgefangene« durch ihre »Privilegien« zu diskreditieren.« (09.10.2013) Natürlich gehören »Luxus« und »Privilegien« im Zusammenhang mit der Ex-Regierungschefin, die mit Ärzten aus Berlin isoliert wurde, in Anführungsstriche! Denn Charité-Ärzte und Krankengymnastik sind für andere Gefängnisinsassen in der Ukraine kein Luxus oder Privileg, sondern eine Selbstverständlichkeit. HR

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Freunde der Freiheit
Freiheit ist immer die Freiheit von Günther Beckstein – nachdem linke Gruppen an der Uni Bremen gegen seinen Auftritt zum Thema »Asyl-Kompromiss« protestierten, folgte eine nicht abreißende Flut von Beschwerden der Wutbürger. Benjamin Reetz vom AStA-Blatt »ScheinWerfer« ist einer von vielen, bei denen die Ideale dieser Gesellschaft gefruchtet haben. »Trommeln, Trillerpfeifen und Provokationen anstatt kritischer und sachlich harter Diskussionen. Pluralismus, Meinungsfreiheit und -vielfalt unterbinden und dabei ein aggressives Potenzial jenseits des akzeptablen aufzuweisen: Dies kann als Zustandsbeschreibung der öko-sozialistischen Faschisten gesehen werden.« (ScheinWerfer 2012/7) Während die Gewalt, die Beckstein im Amt ausübte, nicht nur akzeptabel, sondern schlicht sein Job als Minister und außerdem dem Willen seiner Wähler entsprach, sind Trillerpfeifen und Provokationen ein direkter »Zustand« des Faschismus. Und wer Abschiebungen in den Tod nicht gutheißt, wird wohl auch ein ökologischer Fanatiker sein – der logische Zusammenhang ist mit den Händen zu greifen. Ein paar Seiten weiter in derselben Ausgabe schrieb Reetz über den Kurdistan-Konflikt und zeigte, dass moralische Gesinnung beliebig einsetzbar ist: »Genau dieses Urteil jedoch steht uns nicht zu. Wer sind wir, wenn wir uns zum Richter und Henker einer Volksgruppe machen, die zweifelsohne ihren eigenen Gefühlen entsprechend für eine rechte Sache kämpfen? Und wer sind wir, einseitig Stellung zu beziehen aus einer wirtschaftspolitischen Notwendigkeit heraus, die jedoch den grausamen Hass und die Gewalt nur einer Seite anlastet?« Über nichts darf man sich ein Urteil bilden: weder über die PKK, mit ihrem Nationalismus, noch über Beckstein mit seinem, der immerhin für die Abschiebung etlicher Kurden verantwortlich ist. Immerhin entspricht der bewaffnete Kampf der Kurden ihren eigenen Gefühlen, was bei Trillerpfeifenkonzerten der »öko-sozialistischer Faschisten« bestimmt nicht der Fall ist. Aus wirtschaftspolitischer Notwendigkeit die Grenzen für Flüchtlinge dicht zu machen, das kann man ja als Minister machen, dagegen über irgendwelche Konflikte zu urteilen – wer sind wir schon, wir demokratischen Untertanen, uns das zu erlauben. HR

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Was zusammengehört
Jürgen Elssäser schreibt in seiner Zeitschrift »Compact« an Beate Zschäpe. Er »habe Angst, dass Sie das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen werde. (…)Schließlich heizten deutschfeindliche Kräfte in Politik und Medien – und zwar nicht nur in Istanbul und Ankara, sondern auch in Berlin und München – den Konflikt immer weiter an.«(https://www.compact-online.de/offener-brief-an-beate-zschaepe/) Anstatt »den Konflikt« einfach mal ruhen zu lassen! »In diesem Hexenkessel des hysterischen Antifaschismus wird sich kaum ein bayrischer Beamter trauen, gründliche Leibesvisitationen vorzunehmen oder gar einen Trauernden abzuweisen, nur weil der Metalldetektor piepst. Und schon ist eine Mordwaffe im Publikum«. Der »hysterische Antifaschismus« hat zwar nicht verhindert, dass die Angeklagte samt Mittätern – versorgt mit Mordwaffen und falschen Identitäten – durchs Land reisen konnten, aber bayrischen Polizei- und Juststizbeamte lassen sich ja bekanntlich von antifaschistischer Hysterie leichter anstecken als thüringische Verfassungsschützer. HR

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Nimm’s persönlich
Der rechtslibertäre Meisterdenker André F. Lichtschlag schreibt in seinem Blatt »eigentümlich frei« über Unruhen in Stockholm: »Welcher arabische Jungmann achtet den französischen, englischen, schwedischen oder deutschen Sozialstaat, der ihm sein »Menschenrecht auf Flachbildschirm und Smartphone« eintrichtert und finanziert, sonst aber nichts mitgibt als anonyme behördliche Lieblosigkeit. Und vor allem, der nichts fordert.« (http://ef-magazin.de/2013/05/24/4233-stockholm-brennt-der-aufstand-gegen-die-armut-ist-ein-wohlstandsphaenomen) Wenn die Behörden die Arbeitslosen mit persönlicher Leidenschaft zur Leistung auffordern würden – wäre das nicht nur die beste Prävention der Krawalle, sondern auch die Überwindung der ominösen »Entfremdung«? So holt der Rechtsanarchismus doch noch ein, was der Linksanarchismus so gern predigt. HR

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Undogmatische Sorgen
»Avanti«-Bremen versucht sich in ihrem Magazin »Kokosnuss« in der Königsdisziplin Parlamentarismuskritik: »Parlamentarismus ist untrennbar verbunden mit dem Vorhandensein von Parteien. Parteien waren mit dem Aufkommen der bürgerlichen Demokratie und der fortschreitenden Industrialisierung ursprünglich eine Möglichkeit, sich politisch zu organisieren, auch mit der Hoffnung einiger, die Gesellschaft so grundlegend verändern zu können.« Heute sind Parteien keine Möglichkeit, sich politisch zu organisieren. Hunderttausende Mitglieder der Parteien müssen wohl völlig unpolitisch sein. Oder man sieht der Tatsache ins Auge, dass heutzutage nur eine Minderheit es als Problem sieht, dass sich mit Parteien die Gesellschaft nicht grundlegend verändern lässt. »Zum anderen führt die derzeitige Form des Parlamentarismus dazu, dass eine breite politische Organisierung und Politisierung der Menschen gerade verhindert wird, deutlich sichtbar an Mitgliederschwund und niedrigen Wahlbeteiligung.« Parlamentarismus führe also zum Schrumpfen der Parteien – was für ein »Projekt undogmatische Linke« ganz schön Grund zur Sorge darstellt. Denn, wenn SPD und CDU, FDP und Grüne, LINKE und NPD nicht mehr genug Mitglieder haben, dann kommt die Politisierung nicht voran. Und umgekehrt: Wenn »Avanti« genügend Leute politisiert und organisiert hat, dann schießt die Wahlbeteiligung in die Höhe. HR

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Der föderale Ponyhof
Die SPD feiert ihren 150. Geburtstag und ihre Fehler eine Renaissance. Wie ein Who's who der Linken liest sich die Liste der Unterzeichner des Aufrufs »für ein egalitäres Europa«. Karl Heinz Roth, Zissis Papadimitriou, Mathias Deichmann, Angelika Ebbinghaus, Lothar Peter, Peter Birke, Antonio Farina, Hanna Haupt, Roland Herzog, Wolfgang Hien, Andreas Kahrs, Gregor Kritidis, Marcel van der Linden, Norbert Meder, Gerhard Schäfer, Norbert Schepers und Jörg Wollenberg wissen es besser und können es nicht lassen, ein konstruktives Programm für ein anderes Europa hinzulegen. Mit einem Staat als Weihnachtsmann, der Wohltaten verteilt, währenddessen die Marktwirtschaft weiter vor sich hin akkumuliert. »Standardisierung der Arbeitsbedingungen«, »Arbeitszeiten und Arbeitsentgelte auf europäischer Ebene«, »Entwicklung eines Systems der allgemeinen sozialen Grundsicherung, das in die kommunalen und regionalen Selbstverwaltungen integriert wird«, »Verhinderung der Kapitalflucht und Sozialisierung der Investitionen«, »Wiederaneignung der öffentlichen Güter, Intensivierung der Umweltpolitik«. Natürlich verlangt ein detailliert ausgearbeiteter »Aufruf« (an wen auch immer er sich richtet), ernst genommen zu werden. Denn schließlich steht er auf einer soliden Basis: »Darüber hinaus muss dieses Modell der enormen, historisch gewachsenen kulturellen Vielfalt des alten Kontinents Rechnung tragen. Wir schlagen deshalb das Projekt einer Föderativen Republik Europa vor, in die sich die bisherigen Mitgliedsstaaten auflösen. Sie wird basisdemokratisch verfasst sein und deshalb von unten nach oben aufgebaut werden. Dabei wären vier miteinander vernetzte Funktionsebenen zu unterscheiden: Kommunen und Kommunalverbände, Kantone, Regionen – Balkan, Ostmitteleuropa, Mittelmeerregion usw. – und die Föderation selbst. Auf diese vier Ebenen werden die öffentlichen Revenuen entsprechend ihrer Gewichtung verteilt. Dabei wäre die vorrangige Zuweisung der Ressourcen in die für die demokratische Selbstverwaltung besonders wichtigen unteren Funktionsebenen zu garantieren und zugleich sicherzustellen, dass die Föderation dauerhaft auf die Insignien klassisch imperialistischer und nationalstaatlicher Macht – Armee, militärisch-industrieller Komplex, aggressive Außenpolitik usw. – verzichten muss.« So schön könnte der Staat sein. Die beste Antwort auf die reale kapitalistische Krise ist immer noch eine grundsolide Utopie vom gesamteuropäischen Ponyhof. HR

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De mortuis nil nisi bene
Jan Feddersen ehrt in der »taz« vom 12.06.2014 den FAZ-Redakteur Frank Schirrrmacher:
»Über politische Korrektheit hätte man mit ihm nichts erörtern müssen: Er war, was das jüdische Erbe Deutschlands anbetrifft, kompromisslos bis zur Eisigkeit. Die Auschwitzkeulenjammerei eines Martin Walser führte zum Verzicht auf den Nachdruck eines Romans des Autors. Er hätte zu dieser Episode gesagt: Das musste doch offenkundig sein, dass dies eine Frage des Anstands war, in dieser Hinsicht einmal mehr als einmal zu wenig nachzugeben.«
Das allerdings erst 2002. Als vier Jahre zuvor sein Freund Martin Walser seine Keulen-Rede in der Paulskirche hielt, da war der frisch Verblichene kompromisslos bis zur Eisigkeit auf seiner Seite. HR

 

HR: Hyman Roth

EB: Redaktion Extrablatt


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