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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Jean-Philipp Baeck 

»Wir definieren den Tod«

Interview mit einem Bestatter       

 

Für Bestattungsunternehmer sind Leichen das Geschäft. Sie sehen täglich tote Körper, behandeln sie routiniert. Im Interview erzählt ein Bestatter, warum die Leiche dennoch mehr ist als bloßes Arbeitsmaterial.

 

Bestatter zu sein ist kein anrüchiger Beruf. Wieso wollen Sie dennoch anonym bleiben?
Christopher Buss: Nun gut, Sie können meinen Namen nennen. Wichtiger ist, dass der Name des Unternehmens nicht vorkommt, weil es eben ein Merkmal der ganzen Branche ist, sehr diskret zu sein und am besten niemandem unnötig Informationen zu geben. Ein bisschen Geheimniskrämerei ist immer dabei.

Woher kommt das?
Bestatter hüten das ganze Unklare und das Tabu, welches es über den Tod gibt. Sie immunisieren sich damit auch vor Kritik. Wenn sie nicht so transparent sind, können sie viel machen. Man hört immer wieder Berichte über Bestatter – »schwarze Schafe« sagt man im Volksmund – die ihre Arbeit einfach nicht richtig machen. Sie bestatten eine Leiche, ohne daran etwas zu tun, kassieren aber trotzdem ab. Dabei kann es manchmal auf einen zurückfallen, wenn die Sache nochmal gelüftet wird.

Inwiefern »gelüftet«?
Etwa weil es so aussieht, als wenn eine Person ganz normal bestattet wird, sie schon eingesargt ist und es plötzlich Zweifel gibt. Dann muss der Sarg nochmal aufgemacht werden, von einem Gerichtsmediziner oder vom Amtsarzt. Wenn dann herauskommt, dass der Bestatter die Leiche ziemlich vernachlässigt hat, sie nur da reingefeuert hat, ist es problematisch.

Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Ich hatte einmal eine Überführung nach Mecklenburg-Vorpommern. Als wir in den Leichenkeller kamen, lagen da die Leichen so, wie man es aus Bürgerkriegsländern kennt, als hätte es irgendwo ein Massaker gegeben: Nackt auf dem Boden, als ob man kaum Zeit gefunden hätte. Wir kennen das eigentlich nur, dass die irgendwo ordentlich liegen, auf einer Bahre, auf einem Tisch, in einem Sarg. Aber auf jeden Fall nicht auf dem Boden, mit einem dreckigen Laken darüber. Das hat einen komischen Charakter. ›Was solle er machen‹, hat der Bestatter gesagt. Er sei alleine da. Und eine Leiche alleine zu bewegen – da gibt es ganz schön extreme Fälle, wo man zu dritt oder zu viert anpacken muss – das geht gar nicht. Insofern kann man es auch verstehen, wenn so etwas passiert. Aber das bleibt dann unter uns.

Sie finden das aber nicht in Ordnung?
Das ist so eine Sache. Im Bestattungsgesetz steht: Die sind mit Ehrfurcht und Würde zu behandeln, die Toten. Das hat dann damit nicht mehr so viel zu tun. Nicht, dass ich mich jetzt an dem Gesetz so stark orientiere, man merkt es auch selber: Man will an einer Person nicht so rumreißen. Das ist grob. Da kann etwas an der Leiche beschädigt werden, wenn man da so rumruckelt. Es gibt überall Ecken und Kanten. Das sieht dann doof aus, wenn man eine Person nochmal zeigen will.

Man könnte ja meinen, bei einem Bestattungsunternehmen fängt die Routine an, der Business-Part. Eine Leiche wird abtransportiert und ist nur noch biologische Masse oder Körper. Sie sprechen aber von der »Person«.
Dass es so was Menschliches hat, Personen, um die ich mich kümmere? Es ist irgendwie immer eine Gratwanderung, dass muss ich wirklich sagen. Natürlich arbeiten wir mit Menschen, aber es sind eben Menschen in einer ganz ungewohnten Situation. Ich habe die Menschen niemals anders kennengelernt. Mir fehlt komplett die Persönlichkeit, die dahinter steht. Ich weiß nicht, wie sie spricht, ich weiß nicht, wie sie sich bewegt, ich weiß nicht, was sie gemocht hat. Für mich ist es tatsächlich nur tote Materie, aber der Körper hat trotzdem eine Wirkmacht. Also für die Hinterbliebenen extrem. Das ist vielleicht auch der Knackpunkt, denn da fängt es an: wenn man die Leute abholt.

Der Knackpunkt von was?
Das ist paradox. Einerseits ist es die Aufgabe, den Tod zu unterstreichen. Wir sind dafür da, das ganze Ding klarer zu machen. Wir fahren mit dem Auto vor, haben schwarze Anzüge an. Wir versprühen eine gewisse Autorität. Andererseits haben wir es dann mit einem Menschen zu tun, den wir fast wie einen Kranken behandeln müssen, vielleicht noch vorsichtiger. Wir müssen alle möglichen negativen Eindrücke vermeiden, müssen ganz ruhig, leise und vorsichtig handeln.

Wegen der Angehörigen?
Ja, für die Betroffenen ist das sehr schwierig. Der Moment, wo man den Deckel drauf macht oder den Leichensack schließt, der auf der Bahre liegt. Dieses Reißverschluss-Geräusch: ›zzzzzt‹. Das hat für die Leute manchmal so einen richtig erschreckenden Beiklang. Dann kriegen sie mit, dass es das letzte Mal ist, dass sie den Toten sehen und dann brechen die großen Emotionen aus. Dann kommt es wirklich vor – gerade bei älteren Pärchen – dass die Leute sagen: ›Ich will da mit rein‹. Oder, die wollen einfach nicht, dass es zugemacht wird. Da muss man dann... Also, ich kann es vollkommen verstehen. Die Leute geben da einen liebgewonnen Menschen in unsere Obhut, wir sind für sie Fremde. Die wollen weiterhin in der Nähe des Verstorbenen bleiben. Es ist eben noch der Körper, da ist noch Menschliches drin, irgendwie. Und wir müssen es dann hinkriegen, dass sie loslassen. Aber andererseits stricken wir gewissermaßen auch noch an dem Bild des quasi noch Lebenden.

Inwiefern?
Also, für mich ist es ein Bisschen so, wenn wir den Leichnam behandeln: Eben nicht als Abfall oder irgend einen anderen Gegenstand, den man einfach so locker einpackt. Sondern wie bei einem Abtransport von einem schwerkranken Menschen. Wenn wir wegfahren, macht es auf einmal bei den Leuten klick. Die Person, die sie die ganze Zeit zu Hause hatten, ist weg.

Die Situationen ähneln sich alle?
Man wundert sich manchmal, wie leicht manche Leute es mit dem Tod nehmen. Man kommt an, bereitet sich auf eine Hausabholung vor. Und plötzlich merkt man, dass die Angehörigen Witze machen, richtig erleichtert sind, dass die Person gestorben ist. Gerade wenn es eine Person war, die lange in Pflege war, eine lange Krankengeschichte hatte. Ich will nicht sagen, dass die lachen, aber da erlebt man manchmal Situationen, die man gar nicht erwartet hat. Da passt man sich natürlich an. Es wäre unangemessen, mit völlig düsterem Blick aufzutreten.

Also ist nicht jeder Tod, nicht jede Leiche gleich?
Die Körper verhalten sich alle gleich. Wenn ich mit ihnen arbeite, gleichen sie sich an. Vielleicht gibt es mal unterschiedliche Gerüche. Aber in der Situation mit den Hinterbliebenen, da erfahre ich indirekt etwas über die Person. Aber klar, behutsam werde ich sie immer behandeln.

Zeigen Sie viel Mitgefühl mit den Angehörigen?
Man sollte nicht so viel Mitgefühl haben, sondern vielleicht eher etwas neutral sein. Das wirkt ja auch geheuchelt, wenn man herzliches Beileid wünscht und man schon hunderte Tode eingesargt hat. Da ist es irgendwann nicht mehr authentisch, dass man mit einem mitfühlt. Das heißt nicht, dass ich die Leute schlecht behandele, aber ich habe einen anderen Fokus. Ich muss gucken, dass ich ordentlich durch den Raum komme.

Sie vermessen die Flure?
Das sieht man uns nicht an. Man muss schauen, dass nichts kaputt geht. Manchmal gibt es Häuser, die so komisch konstruiert sind, dass man mit dem Sarg nicht durch kann. Bei bestimmten Altenheimen, da frage ich mich, wieso die so gebaut wurden. Man kommt nicht um die Ecke und muss den Sarg ganz unvorteilhaft anwinkeln, dass er fast schon steht. So, wie man früher die Geisteskranken beerdigt hat. Solche Dinge muss ich bei der Abholung beachten. Ich muss schauen, wie die Person aussieht, was ich vor Ort für hygienische Maßnahmen treffe. Dann checken wir die Formalitäten und alle Kreuze.

Was für Kreuze?
Na, auf dem Totenschein, ob alle Kreuze drauf sind und es ein natürlicher Tod ist. Ärzte, die nicht so viel Erfahrung haben, vergessen das Kreuz.

Was ist, wenn das fehlt?
Wir dürften die Leiche nicht mitnehmen. Wir würden uns strafbar machen, wenn wir eine Leiche im Kofferraum hätten, ohne erklären zu können, was mit der los ist.

Wird das kontrolliert?
Das macht eigentlich niemand. Niemand traut sich einen Leichenwagen anzuhalten. Ich habe mal gehört, wenn man einen Leichenwagen fährt, der nicht gekühlt ist und im Hochsommer auf der Autobahn im Stau stehe, dann dürfen wir sogar rechts den Seitenstreifen benutzen. Man fühlt sich dann wie ein kleiner Diplomat.

Sie genießen Immunität?
Ja, die Leute machen einem Platz.

Wie für den Sensenmann?
Nun... wir definieren den Tod, wir verdeutlichen ihn. Wir betten die Personen in den Sarg. Man verschränkt die Arme, man bahrt sie auf. Wir verwehren ihnen auch ein bisschen die Kommunikation mit der Umwelt, indem wir ihnen etwa die Augen schließen.

Warum macht man das?
Es ist schlimm, wenn die Augen offen sind. Die verändern sich auch mit der Zeit. Das Gefühl, wenn die Angehörigen nochmal reinkommen und merken, dass sie angestarrt werden, mit toten, kalten Augen – das ist ein Bisschen wie in der Geisterbahn. Deshalb machen wir die Augen zu, zur Not mit Augenklappen. Auch den Mund machen wir zu. Wenn er nicht von alleine zugeht, müssen wir den richtig vernähen.

Vernähen?!
Ja, vernähen. Ich bin kein Schneiderlein, aber es hat Aspekte davon. Man geht mit einer großen Nadel durch den Unterkiefer, durch den Mund, durch die Nase.

Das sehen dann auch die Angehörigen?
Nein, die Arbeit muss dann so professionell sein, dass es gar nicht wahrgenommen wird. Das sagt man den Leuten auch nicht, man macht das einfach. Aus einem offenen Mund kommen manchmal Gase raus, im allerschlimmsten Fall könnten theoretisch doch noch irgendwo Magensäfte oder ähnliches im Verdauungstrakt sein, oder im Schlund. Wenn das dann hochkäme, das wäre…das ist eine Frage des Rufes und würde sehr negative Eindrücke hinterlassen.

Sie lassen die Leichen verstummen.
Wir nähen Ihnen den Mund zu, machen sie sprachlos. Mit den Augen können sie nicht mehr kommunizieren. Wenn wir sie darstellen, in unserem Verabschiedungsraum, dann dunkeln wir den immer ab. Das hat dann auch schon symbolischen Gehalt, sie sind da schon in einem Zwischenstadium zur Unterwelt, das Licht entschwindet. Für uns hat es den Vorteil, dass man die Totenflecken ein Stück weniger sieht, man leuchtet es gut aus.

Eine Inszenierung des Todes?
Man inszeniert das, ganz klar. Man inszeniert ein Bild, was möglichst nett ist und das ist das paradoxe, dass wir sie einerseits ein Bisschen wieder zum Leben erwecken und andererseits aber sie auch zur Ruhe bringen und das, indem wir sie in diese passive Rolle zwängen.

Wie stark wird eine Leiche denn verändert?
Der Leitsatz hier in Deutschland ist: So viel wie nötig, aber nicht so viel wie möglich, wenn es um die Versorgung der Verstorbenen geht – das ist der offizielle Terminus. Die Bestattungskultur in Amerika ist anders, dort legt man mehr Wert darauf, den Toten noch aufzuhübschen. Wir haben eher den Ansatz, die Person natürlich aussehen zu lassen und auch eigentlich nicht wie einen kerngesunden Menschen – was man ja durch Schminke und so machen könnte. Ein Bisschen beteiligen wir uns nachträglich daran, die Person besser, gesunder oder aktiver darzustellen, als sie eigentlich ist. Wir bearbeiten sie mit Farben, Puder, Cremes, die die Blutleere abmildern. Lippen trocknen schnell aus, Männer werden, wenn es gewünscht ist, nochmal rasiert.

Warum wird das alles gemacht?
Ich mache es auch, um den Angehörigen noch eine schöne Erinnerung zu verschaffen. Und das ist manchmal sehr schwer, je nachdem, wie jemand gestorben ist. Das Bild des Todes ist nicht immer schön. Da kann man dann, wenn man die Person bei sich hat, noch Einiges an Schrecken rausnehmen: Ein verzerrtes Gesicht, Wunden, Spuren von Gewalt, Krankheit, Unsauberkeit. Ich kann noch viel daran verändern. Letztendlich sehen die Menschen ihren Verstorbenen dann so, wie sie ihn höchstwahrscheinlich noch vorher gesehen haben und nehmen nicht dieses letzte Bild mit.

Und es ist immer möglich, die Toten für eine Aufbahrung zu präparieren?
Natürlich haben die Leute immer die Möglichkeit einer Aufbahrung. Aber in bestimmten Fällen raten wir davon ab, etwa nach einem Unfall. Denn das Bild, das sie dann sehen, kann traumatisierend sein. Die Meisten sehen das ein, andere nicht. Naja, da muss dann jeder selber mit fertig werden. Aber wenn die Leiche nicht verunstaltet ist, würde ich jedem raten, nochmal den Toten zu sehen, sich das zu vergegenwärtigen. Auch wenn es nur eine kurze Begegnung ist. Die meisten Menschen können damit dann besser umgehen. Sie entschuldigen sich für irgendwelche Taten, gehen mit ihm ins Gericht.

Ist es immer eine festliche Inszenierung?
Die Personen bekommen ihre normale Kleidung an, ja, meistens festliche. Wenn es die nicht gibt, dann eben die, die sie im Alltag getragen haben. Aber oft Anzüge oder Kostüme bei Frauen. Manchmal sagt der Partner auch, seine Frau solle noch einmal Strapse ankriegen.

Erotik-Unterwäsche bei einer Toten?
Also die Person kriegt die Sachen dann an. Wir lassen die dann natürlich allein, aber es wäre schwer, wenn er... Die Totendecke wird nochmal unterstützt durch ein Brett, das müsste er erst wegreißen. Ich würde behaupten, dass der Mann die Frau nicht anfasst.

Aber prinzipiell ist auch erotische Kleidung möglich?
Unser Laden ist zwar sehr traditionell, aber was das anbelangt ist er total liberal. Das ist ja dann das Geheimnis zwischen den Eheleuten. Die kannten sich ja dann nicht anders, sie hat das gerne getragen, ansonsten müsste man das ja verleugnen. Wir machen das so, wie die Kunden es wollen. Da habe ich auch kein Problem mit.

Ist das nicht pietätlos, eine Leiche sexy zu drapieren?
Pietätlos? Es ist auch nicht pietätvoll, wenn man sehen würde, wie wir das… dann wäre es ja schon schlimm, wenn wir eine fremde Frau nackt vor uns haben und sie anfassen, an allen möglichen Stellen. Würdelos wäre das, was vorher gemacht wurde – wenn sie blutverschmiert ist oder eingekotet hat, Erbrochenes irgendwo hat, Urin, Wundflüssigkeiten. Alles, was der Körper so an übelriechenden Substanzen produziert. Dann wären ja alle Bestatter vollkommene Schweine. Das muss ich dann bejahen, das ist irgendwie pietätlos. Aber das Produkt, das man da verkauft, um es mal so zu benennen wie es ist, das strahlt dann Pietät aus.

Wie oft kommt es vor, dass der Mann sexy Unterwäsche anhaben soll?
Das hatte ich noch nie. Die Männer tragen immer normale Unterwäsche. Ein Rippenhemd kommt sehr häufig vor.

Bei weiblichen Leichen kommt das aber öfter vor?
Nein. Aber es sind manchmal auch sehr elegante Sachen, muss man sagen. Damenwäsche ist da ja fantasievoller, was Kleidungsnormen angeht. Normale Damenunterwäsche glänzt ja schon manchmal, mit Spitze und Seide. Das sieht dann schon erotisch aus.

Das klingt nekrophil.
Nekrophil ist so ein Wort. Ich denke, dass wir überhaupt mit den Toten seltsam umgehen und sagen, dass wir sie nicht anfassen dürfen und sie nicht liebhaben dürfen. Das zeugt ja schon von einer gewissen Verweigerung den Tod anzuerkennen. Gefühle sind ja ohne Frage da. Wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, fassen sie die Verstorben normalerweise an, die Hände, das Gesicht. Sie küssen sie. Bei Menschen aus Osteuropa hat man das viel öfter, dass der Gestorbene nochmal so richtig geknufft wird. Das ist viel unverkrampfter. Da kann man sagen, das ist nekrophil, aber das würden die Leute nicht verstehen. Um Leichen gibt es viel zu viele Mythen.

Etwa, dass sie Krankheiten übertragen?
Unter hygienischen Gesichtspunkten ist es möglich die Person anzufassen. Wenn sie keine hochansteckende Krankheit hat, ist da überhaupt nichts dabei. Die Haut fühlt sich nur anders an, ist kalt. Ich würde sagen, es ist ein Problem der Gesellschaft, dass die Leute diese Erfahrung nicht haben. Die Leute sind richtig hilflos, man muss ihnen etwas an die Hand geben. Bei der Abholung spricht man sie an, was für Musik gespielt werden soll, ob sie noch Sachen haben, die sie gerne mitgeben möchten.

Man kann den Toten Sachen mitgeben?
Das fragen die Leute oft – ich weiß nicht, ob das so ein deutsches Ding ist, so eine Regelkonformität – also, die Leute fragen, ob noch etwas in den Sarg kann.

Und?
Klar geht das, wenn es sich nicht gerade um irgendwelche Gifte handelt, die den Boden verseuchen. Ansonsten darf da alles rein. Üblicherweise sind es Kinderzeichnungen, Kuscheltiere, Puppen, Reliquien, also Kopien von Reliquien. Kleine Engelspüppchen oder diese Dürerhände, die gefalteten, als Bild oder als Holzrelief. Es gibt Unmengen an Dingen, Fotos auch sehr oft.

Wie häufig kommt das vor?
In der Hälfte der Fälle, würde ich sagen. Nur viele wissen nicht, dass es geht und kommen nicht drauf. Es besteht so wenig Wissen.

Fällt Ihnen noch mehr ein?
Etwa, dass alle denken, die Leichen würden immer von oben bis unten abgeduscht. Das ist auch so ein Mythos. Ich kenne keinen Bestatter, der das so macht. Wenn eine Person wirklich am FKK-Strand einen Herzinfarkt hatte und in den Matsch gefallen ist, na klar, dann wird sie gereinigt. Aber ansonsten muss eine Person nicht unbedingt mit Wasser abgespült werden.

Wie sauber ist denn der Tod?
Es sind immer Kleinigkeiten zu tun. Wenn jemand nach einem Herzinfarkt mit dem Kopf irgendwo gegen geknallt ist, muss die Wunde geschlossen werden. Im Moment des Todes entspannt sich der ganze Körper, manchmal koten die Leute dann nochmal. Wenn es Menschen sind, die an Inkontinenz gelitten haben, dann passiert das oft. Manchmal haben sie auch noch was im Magen, das kommt dann schon mal raus. Wenn man merkt, man kippt die Leiche an und dann kommt schon was rausgeschwappt, dann muss man das notdürftig ohne viel Aufsehen verschließen. Später muss man es dann für gewöhnlich abpumpen oder man tamponiert die ganzen Körperöffnungen.

Die Leiche wird immer so behandelt, nicht nur, wenn sie nochmal angeschaut wird?
Das liegt im Selbstverständnis des Betriebes, sie nie unwürdig zurückzulassen, dass die Person im Notfall würdig vorzeigbar ist. Selbst wenn die Person ins Krematorium kommt, ziehen wir sie an. Obwohl immer nochmal der Amtsarzt drüberschaut. Er macht den Sarg nochmal auf und ist vollkommen unempfindlich: Er will sie nicht umständlich ausziehen, also holt er eine große Schere und entfernt so die Sachen. Zack, zack, zack. Das geht viel schneller. Da könnte man sagen, man hat sie völlig umsonst angezogen, aber das gehört dazu. Man zieht sie nochmal an und bettet sie richtig ein, mit Kissen und Decke und kämmt die Haare.

Das klingt tatsächlich absurd. Wieso hübscht man die Leiche dann überhaupt auf?
Der Ansatz wäre, dass man es so macht, wie man selber behandelt werden will, dass die Leute sich nicht über einen lustig machen.

Aber der Mensch ist doch tot und kriegt es nicht mehr mit.
Das ist wie in der Wissenschaft: Es gibt gewisse Glaubenssätze, die musst du erst mal annehmen. So wurde es an mich wie an alle anderen Bestatter herangetragen. Also mach ich das. Ich ziehe sie an und sage, ›jetzt ist sie fertig, jetzt hat sie’s bequem‹.

Das sagt man als Ausspruch oder sagen Sie das zu dem Toten?
Nicht, dass ich mit ihm reden würde, auf keinen Fall. Das sag ich mir. Da ist etwas, was man nicht abschütteln kann. Man guckt die Person an und sie strahlt trotzdem noch was aus. Sie löst ein Gefühl aus. Man behandelt ihn als Lebendigen.

Wieviel hat das mit beruflichen Glaubenssätzen und wieviel mit religiösem Glauben zu tun?
Ich bin im Osten groß geworden. In meiner Familie ist eigentlich niemand gläubig, ich auch nicht. Und im Betrieb ist meines Wissens auch niemand gläubig. Das ist aber etwas, das mich an der ganzen Zunft stört: Weil es keine richtige öffentliche Auseinandersetzung mit dem Tod gibt, weder mit dem physischen, noch mit dem sozialen Tod, bleibt nicht so viel übrig, außer dem Althergebrachten. Früher hat sich die Kirche den Umgang mit dem Tod angeeignet, die Interpretation. Die Durchsetzung der Feuerbestattung war ja ein riesiger Kampf, die Kirche hat sich angegriffen gefühlt in ihrer Deutungshoheit. Das ist auch ein Stück Aufklärung. Eigentlich müssten vollkommen neue Umgangsweisen gelernt werden. Die alten aus unserer Religion sind nicht mehr adäquat. Die Menschen sind vollkommen unzufrieden. Weil die Auseinandersetzung fehlt, bedienen sie sich dieser Sachen, machen eine Bestattung in der Kirche oder mit einen religiösen Redner, der den Verstorbenen christlich verzerrt, ihn für den Glauben instrumentalisiert. Es heißt zwar, das Gewerbe würde immer offener, es gibt etwa immer mehr islamische Bestatter. Aber ich sehe nicht, dass die offener mit dem Tod umgehen, warum sollten sie auch.

Wie meinen Sie das?
Da wird sich eben auch an ganz traditionelle islamische Glaubenssätze gehalten. Das ist etwas stärker entindividualisiert. Soweit ich weiß gibt es keine großen Reden, die Leiche wird Allah übergeben, ein bisschen wie in der jüdischen Bestattungskultur. Die Beerdigung muss sehr einfach gehalten sein. Nicht, dass ich teuren verzierten Särgen das Wort reden will. Aber es gibt in Amerika, in Großbritannien und in afrikanischen Ländern etwa die Möglichkeit, den Sarg total individuell zu gestalten. Warum auch nicht. Der Körper ist eins der privatesten Dinge, die man hat. Den kann man nicht abschütteln, in dem steckt man drin. Also wenn man über irgendetwas entscheiden will, dann lieber über den Umgang mit dem Körper als über das Erbe.

Das ist eine Entscheidung, die nicht nur die Bestattung, sondern auch die Organspende betreffen würde.
Ja, bei der Organspende ist das auch nicht so einfach. Was will man mit dem Körper anfangen, was legt man da fest.

Welchen Unterschied macht es denn für Sie als Bestatter, wenn Leute Organe gespendet haben?
Wir wissen ja nichts über die Todesursache, aber es kann nicht vorenthalten werden, wie bei einer Autopsie. Das sieht man deutlich an dem großem Schnitt auf dem Bauch. Die Organe sind entnommen, der Körper ist definitiv leichter. Man sieht bei einer Autopsie auch die Narbe am Hinterkopf, wenn der Schädel geöffnet wurde.

Gibt es Bilder, die Ihnen im Kopf bleiben?
Bevor ich mit dem Beruf begann, habe ich überlegt, ob ich es machen kann. Aber ich hatte eine feste Erwartung wie es sein wird und eine gewisse Selbstsicherheit. Damit lag ich richtig. Das Einzige, was man sich vorher nicht vorstellen kann, sind die Gerüche. Von den Bildern her war es alles so, wie ich es dachte. Wenn ich Feierabend habe, dann ziehe ich mich um und alles ist wie weggeblasen. Es ist ganz komisch: Ich fühle mich manchmal sogar viel besser. Nicht lebensfroher, aber die Bilder bleiben mir nicht im Kopf. Und wenn, dann ist das horrorhafte weg, auch wenn es keine schönen Bilder sind. Es verfolgt mich definitiv nicht. Ich habe das so hingenommen: So sehen eben Tote aus.

Sie haben keine Angst vor Leichen?
Nein. Manchmal, wenn man mit ganz vielen Toten allein in einem Raum ist, dann kann einen vielleicht manchmal etwas... da mache ich mir eher einen Witz draus.

Was für einen Witz?
Wenn ich dann vielleicht Angst habe, dann lache ich über mich selber. Ich habe früher gerne Horrorfilme geschaut: In einem ging es um außerirdische Schnecken, die in tote Menschen reinkriechen und sie wiederbeleben. Daran muss ich dann manchmal denken. Es kommt schon vor, dass ein Arm zufällig vom Bauch auf den Tisch runterfällt und es knallt. Wenn sich Luft im Magenbereich angestaut hat, dann geben die Leichen auch manchmal ein Geräusch von sich: ›Oooaaaah‹. Aber das kennt man ja, da erschreckt man sich nicht. Schlimm sind andere Sachen.

Und welche?
Nachdenklich machen mich Suizide. Nicht, dass ich da Angst kriege – ich frage mich, was die Leute dazu treibt, was die Beweggründe sind. Wir hatten einen Anwalt, der sich im Wald mit einer Pistole in den Kopf geschossen hat. Was hatte er für einen Grund? Er war noch nicht alt, er hätte sich ein schönes Leben machen können, als Rechtsanwalt ist man auch nicht arm. Eine Frau hat sich mit einer Tüte erstickt, mit Mitte Dreißig. Mein krassester Suizid-Fall war, als ein junger Mann spontan an einer seltenen Krankheit gestorben ist. Ein paar Tage später kam seine Frau ins Beerdigungsinstitut und man hat gemerkt, dass sie sich komplett verändert hat. Sie ist in sich gegangen, war aber ganz klar: »Ich will eine Sterbefallversicherung abschließen«. Sie regelt ihr Ableben im Vorhinein ganz genau. Sagt, da soll ihr Mann liegen, da sie. Und ich sage noch: »Machen sie es gut«. Ich hatte eine Vorahnung. Am nächsten Tag fragt mich eine Kollegin nach der Frau, weil die Kripo wissen wollte, wer sie zuletzt gesehen hat: Sie hat sich Stunden später zu Hause umgebracht, nach dem Besuch bei mir. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas hätte tun können, ihr mehr Halt hätte geben können. Gerade mit der Vorahnung. Aber bei ihr war es so klar.

Die Tote war nicht mehr anonym.
Das hat mich viel mehr berührt. Auch ein anderer Fall war für mich echt schwer: Ich sitze im Büro, der Mann kommt rein, mit seinen beiden kleinen Töchtern, sechs und acht. Er gibt mir die Sachen von der Mutter. Der Mann war gebrochen, während die kleinen Mädchen noch spielend herum lachen und kichern, dass ich jetzt die Klamotten von Mama nehme. Da die richtigen Worte zu finden... ob man überhaupt was sagen soll? Das beschäftigt mich bis heute.


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