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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Editorial


Das Kapital folgt Marx nach nur einem Trieb: dem, sich zu verwerten. Im Verwertungsprozess wird Mehrwert geschaffen qua Einverleibung von Mehrarbeit, lebendiger Arbeit, durch die Produktionsmittel, d.h. geronnener, toter Arbeit. Das Kapital, schreibt er, »ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.« (MEW 23, S. 247). Das Kapital als Untoter prozessiert in Form der Angleichung des Lebendigen ans Tote und des Toten ans Lebendige. Das Potential der Bedeutung ihrer Differenz wird entleert, wenn am Ende einzig zählt, was gezählt werden kann. »Die in den Produktionsmitteln bereits enthaltene Arbeit ist dieselbe wie die neu zugesetzte. Sie unterscheiden sich nur dadurch, dass die eine vergegenständlicht ist in Gebrauchswerten und die andre im Prozess dieser Vergegenständlichung begriffen, die eine vergangen, die andre gegenwärtig, die eine tot, die andre lebendig, die eine vergegenständlicht im Perfektum, die andre sich vergegenständlichend im Präsens ist. Im Umfang, worin die vergegenständlichte Arbeit lebendige ersetzt, wird sie selbst ein Prozess, verwertet sie sich, wird sie ein Fluens, das eine Fluxion schafft.« (MEW 43, S, 21)

So ist materialistische Theorie ausgerichtet auf die Kritik der Übermacht des Todes im Kapitalismus, die das Lebendige seiner Funktion für dessen Negation unterwirft – diese für den gesellschaftlichen Zusammenhang konstitutive Bedeutung von Tod ist gegenwärtig selten explizit Thema linker Diskussion.

Die Artikel dieser Ausgabe des Extrablattes arbeiten an ganz unterschiedlichen Gegenständen den Tod als Schnittstelle von erster und zweiter Natur heraus, den Tod als Motor der Geschichte des Kapitals, die Stillstand ist, und zugleich das Ende der Lebensgeschichte der Individuen bedeutet, deren Dasein unter gegebenen Verhältnissen der Tendenz nach zu dem von Toten wird.

Plastisch wird dies zum Beispiel in der Freude in Dorste darüber, dass Tote scheinbar lebendige Beziehungen schaffen. Dorste ist ein Dorf im Harz, nahe dem Heimatforscher in den 1970er Jahren eine Höhle entdeckten, in der ein Fund gemacht wurde, der neue verwandtschaftliche Beziehungen im anliegenden Dorf entstehen ließ. In der Höhle wurden eine große Anzahl ungewöhnlich gut konservierter Knochen aus der Bronzezeit gefunden – vierzig Mitglieder eines Familienclans der sogenannten Unstrut-Gruppe aus der Bronzezeit hatten hier, in der vermutlich ehemaligen Kult- und Bestattungsstätte, ihre letzte Ruhe gefunden. Ein sensationeller Fund, da aus der betreffenden Zeit kaum nicht verbrannte menschliche Überreste erhalten geblieben sind. U.a. wurden DNA-Analysen durchgeführt und die DNA der seit gut 3000 Jahren verstorbenen Clanmitglieder mit den Lebendigen im Umkreis verglichen. Es konnten elf direkte Nachfahren der Höhlenbewohner ausgemacht werden, ein Ergebnis, welches die BewohnerInnen von Dorste nachhaltig in Aufruhr versetzte. Kürzlich sendete der NDR ein einstündiges Feature, in dem die durch die Entdeckung der Verwandtschaft mit den Toten aus der Höhle geweckten Gefühle zur Sprache kamen. Nicht Befremden darüber, dass offenbar das angestammte Gelände seit Urzeiten von der Familie inclusive einem selbst nicht verlassen wurde, keine Rede von unangenehmen Vermutungen über Inzest, keine Scham, es in Dorste zu einem Einfamilienhaus, aber es ebenso wenig wie die Ur-, Ur-Ur, Ur-Ur-Ur- usf. -Ahnen in der Welt zu etwas gebracht zu haben. Stattdessen erfüllt seither Stolz das Herz der Dorster, Stolz auf die Vorfahren, Stolz auf sich, Nachfahre dieser Vorfahren zu sein. Man sehe auch seine zu Anverwandten gewordenen bisherigen Nachbarn nun mit anderen Augen, sehe insgesamt sein Leben in anderem Licht. Ein Nachfahre berichtet, von einem Fernsehteam aufgefordert worden zu sein, den Nachbildungen der Bronzezeitmenschen im Heimatmuseum tief in die Augen zu sehen – es sei ihm so gewesen, als hätte die Puppe ihm zugeblinzelt, sie hätte ihm das Gefühl gegeben, ihm etwas mitteilen zu wollen, von dem er nicht wisse, was. Um das Rätsel der (ver-)lebendigen Kraft der Toten einer Lösung zu überführen, organisierte man auf dem Fußballplatz in Dorste ein Familientreffen. Über 100 Dörfler und Angereiste versammelten sich an den Rändern des Platzes und schritten auf die zwei in der Mitte postierten, wissenschaftlich erwiesenen lebenden Stammhaltern des Clans zu. »Da war es ganz deutlich«, da wäre »konkret geworden, was vorher abstrakt geblieben war«, da erst habe man »es« begriffen und eine Gänsehaut bekommen, denn erst von Angesicht zu Angesicht der Großfamilie sei deutlich geworden, wozu man ansonsten »zu dicht dran« sei, um das Ausmaß an Bedeutung erfassen zu können – so Stimmen einiger Dorster im NDR-Feature.

Für den einen habe sich sein Blick auf die Menschen, für einen anderen vielmehr auf das Leben selbst geändert: Seitdem er weiß, von welchen Knochen er abstammt, habe er zwei Gänge zurückgeschaltet, nehme andere und sich selbst nicht mehr so wichtig. Und er bekennt, eine Sucht entwickelt zu haben – eine Sucht nach Urlaubsfahrten an Orte, von denen aus er in die Vergangenheit blicken könne. Das alles hänge mit diesen Erkenntnissen zusammen, ein Nachfahre von vor über 3000 Jahren zu sein. Was beweise, dass die Menschen (er meint: einige Dorster) es offensichtlich geschafft hätten, den (er meint: seinen) Gencode über 3000 Jahre »über alle Unbilden der Menschheit zu bewahren und zu vererben« – das mache ihn sehr nachdenklich, schließt er. Eine andere Nachfahrin formuliert, für sie hätte sich Frühgeschichte insgesamt seither mit Leben gefüllt. So anders sähen die Bronzemenschen doch gar nicht aus. Vorstellbar, ihnen in der Hannoveraner Fußgängerzone zu begegnen. Sie sei stolz, da mit zuzugehören, dass sie nun wisse, wo ihre Wurzeln liegen. Stolz erfüllt sie darauf, dass sie – im Unterschied zu den meisten – nun mit Sicherheit und Gewissheit sagen könne, dass sie wirklich eine Hiesige sei. Damit sei für sie das Urbedürfnis eines jeden Menschen erfüllt worden.

Wenn Tote aus der Urzeit der Gegenwart und Vergangenheit scheinbar Leben einhauchen, den Lebenden offenbar ihre tiefsten Sehnsüchte zu erfüllen vermögen, dann betrifft dies die Widersprüchlichkeit des Todes selbst und damit das Thema der vorliegenden Ausgabe.

Ist Freud zufolge der Tod gar noch vor dem Sexuellen das, was als erstes und fundamentalstes Rätsel den Menschen zum Denken treibt, ist der Tod zugleich das, was sich am Deutlichsten dem Denken entzieht – man kann über ihn nachdenken, aber Tote denken nicht, der Tod ist nicht denkbar. Mehr noch zwingt im Kapitalverhältnis der Tod nicht nur zur Sinnstiftung, sondern erscheint, wie sich an Dorste zeigt, als sinnstiftend – insofern der Sinn in der Sinnentleerung liegt, wie in der zirkulären Einspeisung des Gebrauchswert in tote Arbeit, die der Kapitalprozess ist.

Mehr oder minder explizit knüpfen die Artikel der vorliegenden Ausgabe an diese Frage an. Die Gruppe »les madeleines« legt mit ihren Thesen zu Materialismus und Tod einen sehr grundsätzlichen Text vor, der der Struktur eines Netzes folgend, Knotenpunkte und Verbindungen formuliert, aus denen die Bedeutung des Todes in der kapitalistischen Gesellschaft ›gestrickt‹ ist. Die anderen Artikel greifen implizit einzelne Punkte dieses Netzes auf und entwickeln diese an unterschiedlichsten Gegenständen. Maxi Berger führt die Bedeutung des Herr-Knecht-Verhältnisses bei Hegel zusammen mit Adornos Ausführungen zu Becketts Warten auf Godot. Dierck Wittenberg zeigt, wie in »Six Feet Under« der Tod nicht nur das ökonomische Kapital des Bestatters, sondern die filmische Erzählung des Lebens der Protagonisten am Laufen hält. Jean-Philippe Baeck interviewt einen Bestatter über den Umgang mit der Leiche, die auf Plattencovern im Brutal Death Metal wiederum, der Gegenstand von Patrick Viols Text ist, eine prominente Rolle spielt. Im Brutal Death Metal, so zeigt Patrick Viol, feiert das männliche Subjekt seinen Sieg über den Tod, um im gleichen Zuge seinen Tod zu zelebrieren – ein Widerspruch, der sich nicht zuletzt im projektiven Hass auf die Frau symbolisch darstellt. Stellen Maschine und Organisches ein maßgebliches Spannungsfeld im Brutal Death Metal dar, so widmen sich Christine Zunke und Francisco Javier Gomez Rieser diesem auf anderem Gebiet. Sie zeigen, wie in aktuellen Debatten um Organspende eine verschwiegene Wahrheit der Warenförmigkeit bürgerlicher Subjekt virulent wird. Der Widerspruch des bürgerlichen Individuums, Objekt des Kapitals und zugleich Herr seines Denkens und Körpers sein zu sollen, kommt in der Schwierigkeit in aktuellen Debatten zum Ausdruck, Fragen der Aneignung und des Besitzes toter Körper zum Zwecke des Weiterarbeitens in lebenden Körpern zu klären. Die Trostlosigkeit und Morbidität des Lebens der Unterschicht in den amerikanischen Südstaaten illustriert Harry Crews in seinem Roman »Scar Lover«, in dem in dieser Ausgabe abgedruckten Auszug am Beispiel eines Zoobesuches. Josephine Mielke thematisiert diese Tristesse in ihrer Fotoserie »Milde Niere« mit Bildern aus dem Zoo in Belgrad.

Ist materialistischer Kritik Tod Telos des Kapitals, so seine Überwindung in dieser Bedeutung Movens zur Revolution. Aber, wie die »les madeleines« in ihrem Artikel schreiben: »Nur utopisch, nicht als unendliche Verlängerung des Ist-Zustands, ist die Überwindung des Todes zu denken.« Auschwitz war der Versuch dieser unendlichen Verlängerung, der im Postnazismus transformiert in allen Formen der Liebe zum Stillstand fortwirkt. Abzuschaffen wäre der Tod in dieser Bedeutung nur eingedenk der Toten.

In diesem Sinne möchten wir an dieser Stelle Abschied nehmen von einem Leser des Extrablattes seit der ersten Stunde, Gunnar Rühlmann, der sich vor nun einem Jahr das Leben genommen hat.

Die Redaktion des Extrablattes – Aus Gründen gegen fast Alles.


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