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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Das Wetter

 

Was zusammengehört
Wenn das Bremer Friedensforum nicht gerade Boykott gegen israelische Waren fordert oder zusammen mit den Grauen Wölfen gegen Israel demonstriert, dann lädt es zu Veranstaltungen wie dieser ein:

Betreff: [Verteiler] Hinweis auf Antje-Vollmer- Lesung am 30. 9. 2011

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
auf persönliche Bitte von Heinrich Lohmann, ehrenamtlicher Vorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen und Westpreußen e. V., Bremen, möchte ich auf die Veranstaltung »Dr. Antje Vollmer liest aus ›Doppelleben, Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop‹ am Freitag, 30. September, um 19 Uhr, im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft hinweisen. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der angehängten Presseinformation.

Mit freundlichen Grüßen

Ekkehard Lentz

Die Friedensfreunde von heute bewerben die Veranstaltung der grünen Kriegstreiber mit den Opfern des Misserfolges der letzten weltweiten deutschen Kriegstreiberei. Denn in einem wird man sich doch noch einig – schlimm ist der Krieg, wenn man ihn verliert und statt Lebensraum im Osten Landsmannschaften im Westen aufbauen muss.

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Kritische Vaterlandsliebe
Zum Tag der deutschen Einheit benennt Bernhard Pötter in der »taz« die Gründe für kritische Geister, sich endlich mit Deutschland zu versöhnen: Aber: Dieses Land funktioniert. Es garantiert uns ein Dasein, das im internationalen Vergleich luxuriös ist. Auch Kassenpatienten schlafen in der Regel nicht auf dem Krankenhausflur, wie es in den USA oder Großbritannien vorkommt. Wenn die Bahn sich verspätet, ist das ärgerlich, aber mit den spontanen Streiks der Pariser U-Bahn-Schaffner genauso wenig zu vergleichen wie mit dem Verkehrschaos in Mexiko-Stadt. Und wenn sich Bürger über den Abriss eines Bahnhofs empören, werden sie nicht massakriert, sondern tauschen bei nächster Gelegenheit bei freien und geheimen Wahlen die zuständige Regierung aus.[...] Die Ätzkritik ›Deutschland, halts Maul!‹ macht drei Fehler: Erstens ist sie national borniert und übersieht die Rolle, die unser Land weltweit spielt, wenn es um Verantwortung für internationalen Ausgleich und Fairness geht. Zweitens dreht sie den dummen Anspruch, man könne ›stolz darauf sein, ein Deutscher zu sein‹, einfach nur ins Negative, wenn sie behauptet, deutsch sei doof. Und drittens bremst sie das Engagement, die Zustände in diesem Land zu verbessern. Wer alles nur scheiße findet, hätte die deutsche Beteiligung am Irakkrieg nicht verhindert und nie die Ökorevolution durch das ›Erneuerbare-Energien-Gesetz‹ begonnen. (taz, 02.10.2011)

So manchem »taz«-Leser wird diese Argumentation vertraut erscheinen: Das ist nämlich nur die liberale Version von »geht doch mal nach drüben«. Wo auch immer dieses »drüben« liegen soll, ob im Ostblock, in der Dritten Welt oder in den USA – der Grund, Partei zu ergreifen für den eigenen Staat, soll sein, dass es wo anders noch schlimmer ist.

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Killer? Nazis!
Die »Bild«-Zeitung schreibt nun ständig von »Killer-Nazis«, wie z.B. am 22.11.2011: Killer-Nazi feierte im Dorf der Polizistin. Was fällt bei dieser Nominalkomposition mit dem Deppenbindestrich auf? Es sind halt keine Nazi-Killer, sondern Killer-Nazis … So wie Killer-Viren, Killer-Bienen, Killer-Spiele. Lauter Dinge, die durch das Voranstellen von »Killer« erst gefährlich werden.

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De mortuis nihil nisi bene
In den Nachrufen auf den afghanischen Ex-Präsidenten Rabbani, der einem Anschlag zum Opfer gefallenen war, heißt es: Er galt als einer der ganz wenigen in diesem polarisierten Land, denen man zutraute, eine Brücke zwischen den Taliban und der Nordallianz zu schlagen. (Tagesspiegel) Mit ihm dürfte auch die ohnehin vage Hoffnung auf baldigen Frieden in Afghanistan gestorben sein. (Handelsblatt) Der Angriff ist wohl der schwerste Rückschlag in Afghanistan dieses Jahr. […]Wegen seines Rufs trauten ihm der Westen und auch Präsident Hamid Karzai zu, dass er mögliche Friedensgespräche mit den Taliban beginnen könne. (Spiegel) Während seiner Präsidentschaft galt er in Glaubensfragen als vergleichsweise liberal, erlaubte Frauen zu arbeiten und ermöglichte Mädchen den Zugang zu Bildung. (Focus). Zu seinen Leb- und Regierungszeiten klang es auch einmal anders: In religiöser Hinsicht gilt die Dschamiat-e-Eslami [Partei des Verstorbenen – Anm. des Verfassers] als fundamentalistisch, politisch als faschistisch. (Harenberg Länderlexikon, 1995/96, S. 27)

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Sprachkunst in der »taz«
Am nächsten Mittag übrigens, beim zweiten Treffen mit der jungen Politikerin in einem Café, kam ein junger Mann mit Oversize-Brille und Jogginghose aus Österreich zum Gespräch dazu.
(http://taz.de/Geschaeftsfuehrende-Piratin-Marina-Weisband/!82142) Die »taz« vom 18.11.2011 lässt ihre Leser im Unklaren darüber, ob nun der Mann oder lediglich seine Jogginghose aus Österreich kam.

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Explosion der Reduplikation
Im Rhythmus von Latenz, Banal-Fanal, Explosion, Repression, Latenz-Rückkehr vermehren sich unpolitische Konflikte. Es ist fraglich, wie es im Stakkato von Krisen weiter bei Eruption, Verdrängen und Vergessen bleiben kann. – So schließt Eike Hennig seinen Beitrag »Unpolitische Anerkennungskämpfe. Die englischen Riots« in der Zeitschrift »Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur« Nr. 5 von 2011. Aber, so muss man zu dieser Fachanalyse hinzufügen, auch Haudi-Saudi, Holterdiepolter, ratz-fatz, zapp-zarapp, Halli-Galli und, nicht zuletzt, Remmi-Demmi.

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Nur Bahnhof
Die Libertäre Initiative Stuttgart schreibt zu den Kämpfen um den neuen Bahnhof: Förderlicher für die Bedürfnisse und Wünsche aller wäre eine Gesellschaft, die auf Selbstbestimmung, Bedürfnisproduktion und Freiheit beruht. Das bedarf Menschen mit Verantwortungs- und Gestaltungsbereitschaft. Die Proteste in Stuttgart zeigen, dass das keine Utopie bleiben muss. (http://list.blogsport.de/) Förderlich für Bedürfnisse ist Produktion für Bedürfnisse, was etwas anderes ist, als Produktion der Bedürfnisse, also Bedürfnisproduktion. Verantwortung und Gestaltungsbereitschaft ist dagegen bei so gut wie jeder Produktionsweise von Vorteil. Die Frage, was das alles mit den Protesten Stuttgarter Wutbürger gegen Steuergeldverschwendung zu tun hat, bleibt offen.

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Homöopathische Kapitalismuskritik
Christin Lahr sendet täglich einen Cent und 108 Zeichen aus »Das Kapital« an den Fiskus – da fragt man sich wirklich, warum eine Professorin für Medienkunst aus Leipzig sowas macht. »taz bremen« vom 18.08.2011 fragt sich und sie auch:

Frau Lahr, warum senden Sie ausgerechnet Auszüge aus »Das Kapital« von Karl Marx an den Bundesfinanzminister? Ist es Kunst? Gar schlimmer – Medienkunst? Nein, weit mehr: Christin Lahr: Das ist eine Kritik der politischen Ökonomie oder Kapitalismuskritik in Bildern.«Das Kapital« ist wie die Bibel oder der Koran eines der bekanntesten Bücher und funktioniert als »Bild«, das jeder auf seine Weise lesen kann. Nebenbei baue ich in homöopathischen Dosen unseren Schuldenberg ab. Jeder versteht alles auf seine Weise, würde auch die »Bild« sagen. Was möchten Sie mit Ihrer Kritik in der Gesellschaft ändern? Ich möchte eine Wertedebatte anstoßen und fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Ein GeMEINwesen hat etwas mit mEINem Wesen zu tun. Ein Einzelner bleibt nicht ohnmächtig, wenn er sich selbst ermächtigt. Selbst ein Tropfen auf dem heißen Stein verdampft und breitet sich aus. Jeder kann in homöopathischen Dosen Verantwortung übernehmen. Macht heißt Verantwortung, also heißt im Umkehrschluss Verantwortung Macht! Was heißt das konkret? Wohlbefinden statt Wachstum. Wir sollten mehr über »wahre« Werte statt preiswerte Waren nachdenken. Geld regiert die Welt, solange man es zulässt. Das, was uns »am Teuersten« ist, hat keinen berechenbaren Preis, sondern ist eine Frage von Wertschätzung. Keine »Höher-schneller-weiter-Mentalität« kann auf Dauer funktionieren. Vielleicht hätte Frau Professorin lieber das CDU-Programm statt das »Kapital« an den Finanzminister senden sollen? Dort steht weniger Kritik der Wertkategorie, dafür umso mehr Lob der Wertedebatten.

Sie spenden täglich 1 Cent an das Finanzministerium. Soll das zum Mitmachen anregen?

Es heißt nicht »Mitmachgeschenke« sondern »MACHT GESCHENKE«. Meine Mikrointerventionen sind Impulse, die zum eigenen Denken und Handeln anregen sollen. Und zwar zum Denken und Handeln gegen die Verschuldung des deutschen Staates. Mal eine Kapital-Rezeption, an der die FDP ihre helle Freude hätte.

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Hinterhofwissen
Klaus-Helge Donath schreibt für die »taz« aus Moskau am 16.12.2011: Putin war wieder der Alte, den die Hinterhöfe Sankt Petersburgs sozialisierten. So alt ist der »Kremlchef« gar nicht, um St. Petersburg vor seiner Umbenennung 1914 erlebt zu haben. Als die Stadt 1991 wieder so hieß, sozialisierten den Putin nicht mehr die Hinterhöfe, sondern der Apparat des Bürgermeisters.

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Kein geschmackloser Aprilscherz
Meldung vom 01.04.12: Mord an Lena – Emden atmet auf. (http://meinungen.web.de/forum-webde/post/14818992)

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Brutal ehrlich
Dies waren keine Politiker, Juristen, Diplomaten, Bankiers, Manager oder Verwaltungsbeamte. Sie konnten kaum Englisch sprechen und hatten keine Erfahrungen aus der Welt der internationalen Diplomatie oder mit multimedialer Unterhaltung und Propaganda . Sie kamen vor allem aus ländlichen Gebieten über Madrassas zum Kampf für eine bessere Zukunft Afghanistans. Wer wird da von wem gelobt? Weiß man Antwort auf die eine Frage, kann man sich die zweite von alleine beantworten – die Taliban vom AK Süd-Nord. (http://aksuednord.org/?page_id=464)

Die Taliban waren bekannt dafür, weder an Selbstbereicherung interessiert, noch Lügner zu sein. Sie versuchten, den Geboten ihres Glaubens zu entsprechen. Das macht ihre Glaubwürdigkeit aus. Was auch immer die dann noch machten – die waren selbstlos und hielten, was sie versprochen hatten. Was auch immer der Inhalt dieses Programms war. Last, but not least: Das Gerichtswesen wurde reorganisiert. Wie heißt es doch: besser arm dran, als Arm ab.

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Bier und Boden
Bald ein Volk ohne Kneipen? titelt der WEB.DE-Newsticker am 08.04.2012. Ob demnächst ein Feldzug für mehr Kneipenräume im Osten ansteht? (http://meinungen.web.de/forum-webde/post/14874320)

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Widerstand und Wellness
FemRef der Uni Oldenburg lädt ein:
Empowerment und Befreiung für FLIT* of Color – Ein Empowerment-Workshop für FrauenLesben, Inter*, Trans* mit Rassismuserfahrung

Empowerment beschreibt einen lebenslangen Prozess der (Selbst-)Stärkung. Mit dem Workshop eröffnen wir einen bewegten und wohltuenden Raum, in dem wir das persönliche und politische Bewusstsein unserer Mehrfachpositionierungen stärken. Selbstermächtigung, Stärkung, Heilung anregen und intensivieren. Und individuelle und kollektiv wirksame Strategien von Befreiung, Widerstand und Wellness teilen und entwickeln. Ob sich das Empowermentangebot an diejenigen richtet, die Rassismus erfahren haben oder an diejenigen, die erfahrene Rassistinnen sind, sei dahingestellt. Wie es sich für die neuste antirassistischen »kritischweißen« Mode gehört, zögert man nicht, sich festzulegen, wer nun wirklich weiß sei und wer nicht: Der Empowerment-Workshop richtet sich ausschließlich an FLIT* of Color – Menschen, die in Deutschland Rassimus erleben und überleben, die selbst oder deren Eltern/Vorfahren sich dem afrikanischen Kontinent, den pazifischen Inseln, dem Mittleren Osten, Südamerika, Asien und/oder der indigenen Bevölkerung Nordamerikas zugehörig fühlen.

Die weißen Bewohner Südafrikas und Simbabwes wären damit drin, die balkanischen Romas draußen. Die Bevölkerung der in europäischen Russland lebenden Kalmykien sind zwar oft antiasiatischen Ressentiments ausgesetzt, aber das »people of color«-Konzept müsste den Begriff »Asiate« endgültig von Geographie auf Aussehen ummünzen, um auch diese Gruppe »antirassistisch« aufzufangen, nicht zuletzt, da nach vorherrschenden rassistischen Kriterien die finnischen Samen genauso »nicht europäisch« aussehen, wie die »indigene Bevölkerung« des europäischen Nordens.

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Fernliebe
Der Aufruf zur Oldenburger FrauenLesbenInterTransSternchen-Demo nimmt Stellung zu Fragen des Zeitgeschehens. Zum Afghanistan-Krieg zum Beispiel: Mit dem Label ›Frauenrechte‹ wird viel Unfug getrieben. […] Wir haben kein Bock, uns vor den Karren neokolonialer Interessen spannen zu lassen! Wir sind der Meinung, dass sich die FrauenLesbenInterTrans* in aller Welt nur selbst befreien können. Von Oldenburg aus wurde beschlossen, dass die da unten ja nicht die Hilfe aus genderfremden Händen annehmen dürfen.

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Errata
In »Extrablatt« Nr. 7 schreibt Patrick Viol: Zielckes engagiertes Verständnis für MigrantInnen lässt sich von antiindividualistischen wie kulturrelativierenden Reflexen leiten. Reflexe, die gemeint sind, heißen in Wirklichkeit »kulturrelativistische«. Kulturrelativisten relativieren nicht Kultur oder Kulturen (so, wie Holocaustrelativierer den Holocaust relativieren), sondern alles Mögliche am Maßstab der Verschiedenheit der Kulturen.

 

Alle Beiträge von Hyman Roth


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