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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Editorial


Bisher habe man es in Deutschland nicht gewagt, eine Ausstellung über Hitler zu zeigen, erklärte Kuratorin Erpel der Berliner Schau »Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen«, welche bis Februar zu sehen war. »Angst vor der Faszination des Bösen« sei der Grund sowohl des langen Zögerns als auch für die Entscheidung, persönliche Gegenstände des Führers nicht zu zeigen.

Der Vermeidung einer ›Hitlershow‹ liegt die Befürchtung zugrunde, von Objekten wie dem Futternapf des Führerköters könne eine magische Wirkung ausgehen. Diese ist vielleicht gar nicht so unberechtigt und die Sorge verweist auf die Möglichkeit, dass die Deutschen mal wieder im Hamsterrad ihrer Verhältnisse durchdrehen. In der Tat suchen sie im Taumel nach Halt und greifen nach Sarrazins völkischer Hand. Er scheint vielen aus der Volksseele zu nuscheln: sowohl vom Zwang zur Integration in die Volksgemeinschaft durch harte Arbeit, als auch vom Ausschluss der genetisch festgelegten Schmarotzer.

Offensichtlich wurde mit der Entscheidung Hitlers Kultobjekte zu verbannen zugleich auch die getroffen, den Teil der Ausstellung zu den deutschen Vernichtungslagern in einen Seitentrakt hinter einer Wand zu verstecken. Obgleich der Kurator Thamer das Ziel verfolgte, »Bilder des Entsetzens« im »Deutschen Historischen Museum« deutlich hervortreten zu lassen, anstatt der Faszination an Hitler Stoff zu liefern. Was aber nun auf jeden Fall zu sehen ist, sind große Textbanner zum sogenannten deutschen Widerstand. Vom Antisemitismus und den Opfern der Deutschen in den Vernichtungslagern ist also nicht viel zu sehen, von deutschen Helden hingegen schon.

Welche weiteren Möglichkeiten die Kulturindustrie bietet, die Deutschen durch Geschichtsaufbereitung mit ihrer Nation zu versöhnen zeigt Sonja Witte anhand des Möchtegern-68ers Thomas Gottschalk und dem Film »Das Wunder von Bern«. Patrick Viol stellt in seinem Artikel heraus, wie FeuilletonistInnen in der Süddeutschen Zeitung aus der Geschichte lernen und im Zuge dessen ihre Kritik an Rassismus gegenüber Muslimen selbst mit rassistischen Annahmen verknüpft ist. Hyman Roth wiederum zeigt, wie AnarchosyndikalistInnen unbedingt ihre eigenen Reihen von KritikerInnen des Antizionismus säubern wollen. Juliane Hummitzsch befasst sich im Rahmen ihrer Analyse von Daniel Richters Bild »Dog Planet« mit der Kritik der Gewalt im Verhältnis von Natur- und Staatsrecht und damit, wie gesellschaftliche Gewaltverhältnisse in der ästhetischen Rezeption erfahrbar werden. Christian Jakob berichtet über die zunehmend homophobe und misogyne Praxis in Kenia und Uganda und Debatten über deren juristische Legitmation. Lars Quadfasel zeigt am Kleingeist Thilo Sarrazins wie Vaterlandsliebe auf Beamtendeutsch klingt. Der Artikel des im September letzten Jahres verstorbenen Martin Büsser befasst sich mit Fragen der Vergänglichkeit anhand der Inszenierung von John Cages »Organ2 – As SLow aS Possible«.

Nach wie vor sind wir aus Gründen gegen fast alles.

Die Redaktion


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