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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen


Das Wetter


Die Masse der Kritik
Wissen Sie, was »Critical Mass« bedeutet? Ein im März in Bremen verteilter Flyer erläutert es: Critical Mass ist ein »organisierter Zufall«, der dafür da ist, das Radfahren zu feiern. Na, wenn man sonst nichts zu feiern hat... Die Idee ist, die Straße mit RadfahrerInnen zu überfluten, so dass sich eine sanft verkehrende Masse auf der Straße bewegt. Das macht die Straße sicher, ruhig, weniger verschmutzt und einladend für alle. Ausgenommen diejenigen, die weder Sicherheits- noch Sauberkeitsfanatiker sind oder schlicht Auto fahren wollen. Durch Critical Mass wird die Straße für eine kurze Zeit wieder zu einem öffentlichen Lebensraum. Die Straße wird wieder sozial. Gesellschaftlich mit gesellig verwechselnd nimmt die Masse der Verkehrskritiker wohl an, die Straßen waren vor Erfindung des Autos ein einziger »öffentlicher Lebensraum«. Dort, wo nur Pferdekutschen und Drahtesel verkehren, lässt es sich nämlich vortrefflich öffentlich leben! Es ist nicht das Ziel von Critical Mass den Verkehr zu blockieren. Der motorisierte Verkehr verstopft die Straßen tagtäglich, ohne dass die einzelne AutofahrerIn dies plant. Wir behindern nicht den Verkehr - Wir sind der Verkehr! - Skandal! Da wollen Leute die Straße nicht zu einem sozialen öffentlichen Lebensraum machen, sondern schlicht von A nach B und das möglichst schnell! Und so was beansprucht den edlen Titel »Verkehr«! Dagegen hilft nur eins: Put the fun between your legs!

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Neulich am Reichstag
Eine Person der Zeitgeschichte kann es nicht lassen, bis zum letzten Atemzug Geschichtliches zu leisten: Feierliches Gelöbnis am Reichstag - Altkanzler Helmut Schmidt hält historische Rede vor Rekruten meldet der Berliner Regionalteil der BILD vom 21.07.08. Was hat denn der alte Wehrmachtsleutnant wieder erzählt? Natürlich mal wieder aus seinem bewegtem Leben: Dann folgte Helmut Schmidts (SPD, 89) bewegende Rede vor der Kulisse des Reichstags. Sie wirkte wie ein politisches Manifest des großen Staatsmanns. Der Alt-Kanzler (regierte von 1974 bis 1982) sprach vor den jungen Rekruten aus eigener Lebenserfahrung - Schmidt wurde 1937 als Wehrpflichtiger eingezogen, musste mit der Reichswehr im Namen Hitlers in den blutigen Weltkrieg. Der altersdemente Alt-Kanzler kann sich zwar nicht mehr erinnern, ob er bei der Reichswehr oder der Wehrmacht war, aber auf jeden Fall war er da nicht aus freien Stücken und die Kriege im Namen des Kanzlers Hitler (regierte von 1933 bis 1945) waren blutig, nicht so wie heute, wo man ohne eigene Verluste Restjugoslawien aus der Luft auseinander nimmt! Der kluge Ex-Kanzler würdigte vor allem den Mut der Frauen und Männer des 20. Juli 1944. Sie hätten sich von Millionen Deutschen dadurch unterschieden, dass sie eine moralische Pflicht zum Staatsstreich sahen - auch wenn die bedingungslose Kapitulation wohl schon damals unausweichlich war. Die besten Ideen kommen, wenn es zu spät ist. Etwas früher und das Schlimmste - die Schmach der Kapitulation - wäre wohl noch zu verhindern gewesen. Schmidt mahnte seine Zuhörer angesichts der schrecklichen Kriegs-Erfahrungen zu großer Wachsamkeit. »Es ist leider wahr, dass wir Menschen verführbar sind. Auch wir Deutschen bleiben verführbar.« Weil wir ja auch irgendwo Menschen sind. So schön hat noch nie jemand die menschliche Dimension des Deutschseins ausgedrückt. Den jungen Soldaten rief er zu: »Ihr habt das große Glück - ganz anders als ich als Rekrut des Jahres 1937! - ihr habt das Glück, einer heute friedfertigen Generation (...) zu dienen. Ihr müsst wissen: Euer Dienst kann auch Risiken und Gefahren umfassen. Aber Ihr könnt euch darauf verlassen: DIESER STAAT WIRD EUCH NICHT MISSBRAUCHEN.« Die Gnade der späten Geburt: Die NSDAP war halt so ein Generationsprojekt, die heutige Generation weiß, wie man Streitkräfte richtig gebraucht. Die Älteren hatten nicht so viel Glück, wurden erst verführt und dann missbraucht. Und zur Krönung des Tages: Soldaten und Gäste sangen die Nationalhymne gemeinsam. Anschließend plauderte Angela Merkel ganz entspannt mit sechs ausgewählten Rekruten, gratulierte den jungen Männern persönlich. So ganz entspannt waren diese für einen Smalltalk mit der Kanzlerin gecastet worden - wahrscheinlich mussten sie die Nationalhymne vorsingen. Vor dem Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten hatten am Sonntag rund hundert Pazifisten gegen das Zeremoniell demonstriert. Sie hatten Transparente dabei, konnten die Absperrungen im Berliner Tiergarten aber nicht überwinden. Tja, Pazifisten halt... woher sollen die auch wissen, dass man Absperrungen am besten mit einem Panzer überwindet!

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Neues von der Gelben Gefahr
Dass der Chinese an sich eine gefährliche Spezies ist, weiß jeder, der sich im Vorbeigehen schon mal die »Spiegel«-Cover der letzten Jahre an der Kiosk-Wand ansah. Bekanntlich können die Chinesen Erdbeben auslösen, wenn sie alle auf einmal springen und die Klima-Apokalypse wäre eingetreten, wenn jeder von denen sich ein Auto zulegen würde. Nun haben sie eine neue Methode gefunden, die Welt, Europa und Deutschland zum Zittern zu bringen und scheinen dabei auch noch mit den Indern unter einer Decke zu stecken. Angela Merkel glaubt zu wissen, dass in Indien inzwischen etwa rund 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag einnehmen. Und sie befürchtet: Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen als sie das früher gemacht haben und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere. (Quelle: Reuters) Die beste aller Wirtschaftsordnungen - die Marktwirtschaft - kriselt, weil zu viele Menschen zwei Mal am Tag etwas essen!

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Staffettenübergabe
Irgendwann bekommt jeder den Biographen, den er verdient. Der »Welt am Sonntag«-Redakteur Dr. Heimo Schwilk bereicherte die Bücherwelt mit seinem 580seitigem Schmöker »Ernst Jünger. Ein Jahrhundertsleben« und gibt in »MUT« Nr. 486/2008 Auskunft über Gemeinsamkeiten mit dem Objekt seiner Forschung (mit welchem ihn auch eine persönliche Freundschaft verband): Wie Jünger suchte ich die Gefahr, als Soldat und Fallschirmspringer, als Kriegsreporter im Irak und auf dem Balkan. (...) Als Kriegsberichterstatter habe ich diese eigentümliche Sensation der Authenzität, die von Goethe einmal als »Kanonenfieber« bezeichnet worden ist, selbst hautnah erlebt.  - Mitten im ganzen Geseier von kritischen Bürgern in Uniform, denen es nicht leicht fällt, zum letzten Mittel der Verteidigung der Menschenrechte zu greifen, bringt Schwilk mit erfrischender Ehrlichkeit die innere Haltung der Holocaust-Verhinderer im Kosovo und der Freiheitsverteidiger am Hindukusch zum Ausdruck.

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Straßenkampf
Auch für den politischen Strassenkampf Interessantes, ließ sich durch eine aufmerksame Leserfrage und die verlässlich korrekte Antwort darauf in einer »ADAC Motorwelt«, der Monats-Zeitschrift für ADAC-Mitglieder, erfahren. F: Neulich habe ich ein Fahrzeug mit dem Autokennzeichen NP D gesehen. Sind solche Kürzel denn erlaubt? A: Buchstabenkombinationen auf Nummernschildern, die einen nationalsozialistischen Hintergrund haben, werden nicht mehr zugelassen. Daher gibt es auf deutschen Straßen kein Fahrzeug mit den Buchstaben SS, SA, HJ, KZ oder NS. Das NPD-Problem jedoch hat sich auf deutschen Straßen anders erledigt: Das Auto, das Sie gesehen haben, muss vor 1993 zugelassen worden sein. Denn seither gehört Neuruppin (ehemals NP) zum Kreis Ostprignitz-Ruppin (OPR). Eine Methode, die alternativ zum Parteiverbot vielleicht auch auf bundespolitischer Ebene Schule machen könnte: »Polen muss bis Frankreich reichen, Deutschland von der Karte streichen«.

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Nachruf
Nachrufe sind schon ein eigenartiges Genre. Wer einmal Opfer eines Nachrufs geworden ist, von dem bleibt außer Gutes nichts übrig. Der Österreichische Kabarettist Georg Kreisler schrieb seinen Nachruf vorsorglich selber, gut sein wollte er nun wirklich nicht. Als im März die ausländerfeindliche Spießbürgerin Delphine Brox 72-jährig im französischen Burgund einer schweren langen Krankheit erlag, stürzten sich die Nachrufredakteure von »Radio Bremen«, »taz« und »Weserkurier« auf sie und hinterließen nichts als - wer hätte es gedacht - Gutes. Im Mittelpunkt standen ihr Engagement gegen Atomkraft und Krieg; Erwähnung fand ebenfalls das von ihr kreierte Boeuf Bourguignon. Delphine Brox zog 1979 mit der Bremer Grünen Liste in die Bürgerschaft. Dabei waren ihre Interessen weit gefächert. Neben der Atomtechnologie kämpfte sie gegen den Sozialstaat. Sozialausgaben führten, so Brox, zu der unglaublichen Staatsverschuldung einerseits und der regelrechten Züchtung von Chaoten andererseits: der normale Bürger bezahlt mit seinen Steuern diejenigen, die ihm anschließend den Laden einschlagen, ihn ausplündern und sein Häuschen mit ekelhaften Parolen beschmieren. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer parlamentarischen Arbeit war die Ausländerpolitik. In einer Rede vor der Bürgerschaft monierte sie, sie sei es Leid, dass man den einfachen kleinen Deutschen mit dem Etikett versieht, er sei ausländerfeindlich. Ich wohne in Findorff, wo die Ausländerquote sehr hoch ist und wo Probleme sind. In Siedlungen, die z.B. bewohnt sind von ehemaligen Postbeamten, hat man (...) einen Kulturschock verursacht und ihnen türkische Nachbarn gegeben. Hoffentlich sind unter den Engeln keine Türken.

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Der Tod ist eine Marke aus Deutschland!
Besonders zur Zeit des Bremer Freimarkts kommt Unbedarften bei Konfrontation mit den ganzen Spaßkanonen schon mal die Phantasie eines kleinen Amoklaufes und Straßenbahnfahrten in der Nähe des Bahnhofes werden zu Romero-Filmen in Real Life. Schnell wird man erinnert an Zeiten des öffentlichen Fan-Horrors der letzten Jahre, der ja zielsicher von deutschen Hobbyübersetzern »Public Viewing« getauft wurde - was im Amerikanischen allerdings »Leichenschau« bedeutet. Vor diesem Hintergrund könnte man fast dafür plädieren, jeden öffentlichen Auflauf deutscher Untoter auf diesen Begriff zu bringen - wenn nicht schon im Jahr 2007 eine Firma aus Magdeburg »Public Viewing« ins Markenregister eingetragen hätte.

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Es hat wirklich niemand die Absicht Deutschland abzuschaffen!
Wie der 3. Oktober von Staatsseite eher einer krampfhaft abgefeierten Pflichtveranstaltung statt einem Festtag gleicht, so scheint uns auch deren diesjährige Kritik nicht eben von Leidenschaft getragen, sondern eher von Lustlosigkeit und Routine. Wir finden, freundlich gesagt, weder im Aufruftext [des Hamburger Bündnisses gegen die Einheitsfeierlichkeiten zum 3.10.08; http://gegen0310.wordpress.com/aufruf/], so treffend manches formuliert ist, noch im Veranstaltungsprogramm, so interessant manche Vorträge sein mögen, das unbedingte Bemühen wieder, auf der Höhe der Zeit zu sein; wir finden es, weniger freundlich gesagt, nicht ganz einfach nachzuvollziehen, warum man 2008 Erkenntnisse vorträgt und sich mit Fragen herumschlägt, die 1998 nicht nur genausogut hätten gesagt oder gefragt werden können, sondern genau so auch schon gesagt - und vor allem auch  beantwortet - wurden. [...] Insbesondere im Hinblick auf das Podium vom 3. Oktober stehen wir, was den inhaltlichen Sinn und Zweck des Ganzen betrifft, vor einem Rätsel. Weder verstehen wir, warum die Klassen-Streberin der Gruppe TOP mit ihren antiantideutschen Phantomschmerzen eingeladen worden ist, noch wieso die Auswahl auf ein Frankfurter Doppel [von der Frankfurter Gruppe sinistra] fiel, das sich auch zu zweit nicht einen einzigen eigenen Gedanken zugetraut hat; und erst recht verstehen wir nicht, welche weiterführenden theoretischen Erkenntnisse man sich von der Zusammenstellung zweier postautonomer Gruppen mit einem als »Zeitzeugen« geladenen Publizisten [Hermann L. Gremliza] erhoffen konnte. Und wir fürchten, dass die naheliegendste Antwort - dass es da auch wenig zu verstehen gibt - exakt zu jenem Debakel geführt hat, an dessen Ende die TOP-Denunziation von Israelfahnen als identitäres Übel den größten Beifall von allen einheimste (und ganz sicher den derjenigen Leute, die auf der Demo am gleichen Vormittag schon ›Nationalflaggen‹ jagen waren). Dass eine Fragestellung, die statt zur Dialektik zur Erbsenzählerei aufruft, statt zur Polemik zur verwaltungstechnischen Abwägung, welches Übel unter ›Nation im allgemeinen‹ und welches unter ›Deutschland im besonderen‹ einzusortieren ist, nicht eben zur Abwendung des antikritischen Exzesses beigetragen hat, soll der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben.

(Auszug aus einem offenen Brief der Hamburger Studienbibliothek zur Podiumsdiskussion am 3.10.08 im Rahmen der Veranstaltungsreihe »›Niemand hat die Absicht Deutschland abzuschaffen‹ - Veranstaltungen gegen deutsche Einheit« an das Hamburger Bündnisplenum)



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