Aktuell: 

Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Friedrich Schorb

Kinder sind unsere dicke Zukunft!

Warum der Standort Deutschland dünne Kinder braucht
und was das mit Mc Donald’s zu tun hat


Eine im Wasserfarbenkindermalstil gehaltene lachende Sonne über einem idyllischen Häuschen im Grünen unterlegt mit dem Slogan »Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt« zierte das erste Wahlplakat der Grünen aus dem Europawahlkampf 1979. Es sollte die aufrichtige Sorge um eine lebenswerte Zukunft für die kommende Generation und die politische Unschuld der jungen Partei gleichermaßen zum Ausdruck bringen. Eine Generation später sind die Grünen koalitionserfahren, kompromissbewährt und kriegsgestählt im Zentrum der Macht angelangt. Von dem alten Motto möchte man sich dennoch nicht distanzieren. »Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt, deshalb wollen wir keine Sozialpolitik auf Pump machen, denn damit geben wir politische Spielräume für die Zukunft auf und überlassen den Schuldenberg den nachfolgenden Generationen«, bringt die Bundestagsabgeordnete Thea Dückert die neugrüne Interpretation des infantilen Kitsches von einst auf den Punkt. Um der zukünftigen Generation eine echte Chance zu bieten, hätten die Grünen gezeigt, dass sie zu einem »verantwortungsbewussten Umsteuern in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik fähig sind«. Doch allein mit dem Abbau sozialstaatlicher Leistungen, der Einführung von Ein-Euro-Jobs, dem Rückbau von Arbeitnehmerrechten und den Kürzungen im Renten- und Gesundheitsbereich ist die Zukunft kommender Generationen noch nicht gerettet. Die Bedingungen, zu denen die Kinder von heute ihre Talente auf den Märkten von morgen noch rentabel verkaufen können, werden prekärer. Mindestvoraussetzung ist die Bereitschaft lebenslang neue Fähigkeiten zu erwerben und sich für fremdbestimmte Aufgaben begeistern zu können, hinzukommt ein hohes Maß an örtlicher und zeitlicher Flexibilität. Doch damit nicht genug, fallen doch mit dem postulierten Ende des Anspruchsdenkens auch die Risikolagen Alter und Krankheit wieder weitgehend in die Eigenverantwortung des Individuums. Wer Kindern diese Zukunft zumuten will, muss sie entsprechend zurichten.

Fett und unflexibel: Der Standort Deutschland in der Krise

Der Standort Deutschland, so die gängige Lesart von Politik und Publizistik, verdankt seinen Erfolg dem Fleiß und dem Einfallsreichtum seiner Bewohner. Die Schätze, mit denen er auf den Weltmärkten wuchern kann, sind die Menschen, die hier leben und arbeiten. »Wir müssen umso viel besser sein, wie wir teurer sind«, haben uns Politiker aller Parteien wieder und wieder erklärt, und damit unmissverständlich klargemacht, dass zum Erhalt des Wohlstands ein Einfaches »weiter so«  nicht ausreicht. Soll der Standort seine privilegierte Position im Welthandel bewahren, muss die Qualität seines Humankapitals unablässig optimiert werden, dazu sind u.a. die Produktivität, die Altersstruktur, gesundheitliche Kennwerte wie der Body Mass Index (BMI) und der Bildungsstand der Bevölkerung regelmäßigen Rankings zu unterwerfen und immer wieder zu korrigieren. Diese Korrektur verläuft im Idealfall entsprechend dem neoliberalen Credo vom Rückzug des Staates und der Förderung der Eigenverantwortung im Sinne eines »Regierens auf Distanz«. Verantwortung für Lebensrisiken und erfolgreiche Selbstvermarktung sollen vorrangig durch den Rückbau sozialer Sicherungssysteme und durch Appelle zur Verhaltensanpassung erzielt werden. Wo aber diese Formen der Selbstermächtigung der Marktsubjekte an Grenzen stoßen, steigt, trotz gegenteiliger Rhetorik, die Bereitschaft zur staatlichen Intervention.

Als im Sommer 2004 das Lamento über die Reformunwilligkeit des Standorts Deutschland seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, lancierte die damalige Verbraucherschutzministerin Künast mit großem Erfolg ihre Kampagne gegen die zunehmende Fettleibigkeit des Nachwuchses. Der mediale Diskurs verknüpfte die Bilder einer unflexiblen, den Herausforderungen der Globalisierung apathisch gegenüberstehenden, besitzstandswahrenden Bevölkerung, die nicht einsehen mag, das Hartz IV ihre letzte Chance auf Heilung ist, mit den Bildern einer zunehmend verfettenden, unsportlichen und undisziplinierten Bevölkerung, die nicht erkennen kann, dass sie sich selbst, ihren Kindern und damit letztlich der ganzen Gesellschaft durch ihr eigenes Verhalten jede Chance auf Aufstieg und ein lebenswertes Leben nimmt.

Künast führte mit ihrer Kampagne gegen das Übergewicht eine dritte Ebene in die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit des »Patienten Deutschlands«  (SZ) ein. Deutschland war nicht nur das Land mit der höchsten Arbeitslosen- und der geringsten Wachstumsrate in der EU geworden, es hatte zudem im PISA-Wettbewerb um die besten Köpfe der Zukunft eine empfindliche Schlappe hinnehmen müssen. Zumindest im Kampf gegen die dicken Bäuche sollte die nächste Niederlage unbedingt vermieden werden. Warum, fragte Künast, machen wir nicht aus der Not eine Tugend,  »warum setzen wir uns nicht zum Ziel, jenes Land zu werden, das weltweit führend ist in Fragen der individuellen und allgemeinen Gesundheit, das der Epidemie Adipositas ein neues und ganzheitliches Konzept entgegensetzt«1. Gleichzeitig malte sie in düsteren Farben aus, was passieren würde, wenn wir das Problem weiterhin ignorierten. »Kein Gesundheitssystem der Welt kann bewältigen, was Übergewicht und Fettleibigkeit uns an immensen Kosten aufbürden, kein Sozialsystem aufbringen, was Millionen Arbeitsunfähiger benötigen. Und niemand kann heute einschätzen, wie eigentlich eine Gesellschaft innovativ und kreativ sein kann, wenn ein immer größer werdender Teil der Kinder und Jugendlichen ihre Bildungspotentiale nicht mehr nutzen können«. Selbst eine engagierte Schulreform - so Künasts Befürchtung - kapituliert am Ende vor den fetten und denkfaulen Körpern.

Wo soviel auf dem Spiel steht, gilt es die gesamte Zivilgesellschaft zu mobilisieren. Schnelle Erfolge im Krieg gegen das Fett sollte dabei aber niemand erwarten. Stattdessen müssten wir »uns auf einen langen zermürbenden Wettkampf um jedes Gramm einstellen, der uns sicher auch Rückschläge bescheren wird (...) Je eher wir anfangen, desto niedriger ist der Berg, den wir abtragen müssen. Jedes Pfund, das nicht auf unseren Rippen lastet, ist ein Erfolg«.

Erster Schritt zur Entwicklung eines ganzheitlichen Konzepts im Kampf gegen jedes überflüssige Pfund am Körper der Standortkrieger war die Gründung der »Plattform Ernährung und Bewegung«  (peb). Vom Kaugummiverband bis zur »Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin« wurde die ganze Breite der Zivilgesellschaft unter Führung des Verbraucherschutzministeriums auf den Kampf gegen die neue Volkskrankheit eingeschworen. Von Anfang an legte die Plattform ihren Schwerpunkt auf die Bekämpfung von Adipositas und Übergewicht bei Kindern. Hintergrund ist die Annahme, dass die Prävention von Übergewicht bei Kindern besonders kosteneffektiv und nachhaltig sei. Von Vorteil ist außerdem, dass sich eine Intervention mit Schwerpunkt auf der kommenden Generation auf den Kinder- und Jugendschutz berufen kann und sich so lästiger Debatten um die Legitimation staatlicher Einflussnahme in als Privatangelegenheiten empfundene Konsumentscheidungen entziehen kann. 

Erziehung zum Vollkornbrot

Warum mit der Erziehung zu einem gesundheitsförderlichen Lebensstil nicht früh genug begonnen werden kann, erklärt der Vorsitzende der peb, Erik Harms, so: »Offenbar bilden sich schon im Vorschulalter falsche Regelkreise, Teufelskreise, die durch Therapie nicht zu durchbrechen sind. (...). Primäre Prävention muss rechtzeitig die Weichen stellen und dazu erziehen, dass eine gesunde Ernährung und Bewegung ins Gleichgewicht gebracht und gehalten werden«. Das Erlernen eines gesundheitsförderlichen Lebensstils beschränkt sich nicht darauf den Kindern beizubringen, was nach aktuellem Wissensstand als gesundheitsfördernd bzw. gesundheitsschädlich zu gelten hat. Moderne Gesundheitserziehung internalisiert immer auch die Pflicht zur Selbstverantwortung. Gleichzeitig soll die möglichst flächendeckende Messung der Pausenbrotverpflegung, der Bewegungsfähigkeit und des relativen Körpergewichts (BMI) von Kindergarten- und Schulkindern ein umfassendes Bild über den körperlichen Leistungszustand und seine potentiellen Bestimmungsfaktoren geben, das weit über den Charakter allgemeinmedizinischer Vorsorgeuntersuchungen hinausgeht. Statt einer als wenig ergiebig betrachteten Elternansprache setzt man im Interventionsfeld Kindergarten lieber auf eine direkte Intervention von Ernährungsexperten. Eine andere Taktik im Kampf gegen Übergewicht ist das Einwirken auf die Eltern über die Kinder. So werden z.B. in bayerischen Kindergärten Kinder, die Obst und Vollkornbrot in den Kindergarten mitbringen, belohnt, während diejenigen, die mit Schokoriegel und Salami belegtem Weißbrot zum Stuhlkreis antreten, regelmäßig leer ausgehen.

Spätestens mit dem Erreichen der Schulreife wird Eigenverantwortung vorausgesetzt. So können in Niedersachsen Kinder ab der ersten Klasse ihre im Sportunterricht erhobenen Bewegungsleistungen landesweit vergleichen und sich im Internet Anregungen zur Leistungssteigerung geben lassen. Hintergrund der Aktion ist die Sorge des niedersächsischen Kultusministers Busemann und seiner Mitstreiter aus Sportverbänden und Krankenkassen um die Fitnesswerte der Kinder und Jugendlichen in Niedersachsen. Diese lägen unterhalb des Bundesdurchschnitts und würden seit dem Jahr 2000 weiter absinken. »Weil die tatsächlichen Fitnesswerte deutlich unterhalb der diesbezüglichen Selbsteinschätzung der Kinder und Jugendlichen liegen und schlechter sind, als die Sportnoten vielleicht glauben lassen, fehlt es vielen an Motivation zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung«, weiß der niedersächsische Kultusminister Busemann. Seine Anleitung zur sportlichen Eigenverantwortung beruft sich auf Erkenntnisse »moderner Lern- und Verhaltensforschung«, die belegen, »dass entscheidende Voraussetzungen für Verhaltensänderungen nur gelegt werden könnten, wenn eine persönliche Ansprache jedes Einzelnen erfolge«.

Diese regionalen und lokalen Programme werden von peb bzw. dem Verbraucher- und Gesundheitsministerium gefördert und angeregt. Doch die große Offensive im Kampf gegen die erste Epidemie des 21. Jahrhunderts steht noch aus. Die Diskussionen und Maßnahmen in Staaten, die der Bundesrepublik im Kampf gegen Übergewicht voranschreiten, lassen erahnen, was an Maßnahmen auf uns zukommt. Zu erwarten ist eine weitgehende Kopie des Vorgehens im Kampf gegen den Tabak. Als schädlich angesehen, weil besonders fetthaltig oder stark gezuckert, könnten Lebensmittel schon bald mit Warnhinweisen und Strafsteuern belegt werden. Aus den Schulen werden schon heute diskreditierte Lebensmittel verbannt. Vorstellbar und in Großbritannien in Teilen schon umgesetzt sind »Junk-Food-Bannmeilen«  rund um Schulgebäude. Schulen könnten in Anlehnung an die Maßnahmen zur Tabakprävention (vgl. dazu das »Rauchfreiheitsgesetz«  in Bremen) zu »Junk-Food-Freien-Räumen«  erklärt werden, in denen auch der Konsum mitgebrachter Lebensmittel, die nicht den Vorstellungen von gesunder Ernährung entsprechen, untersagt wird. Mittelfristig scheint selbst das Totalverbot bestimmter Lebensmittel denkbar. Auch eine Altersbeschränkung, beispielsweise für den Zutritt zu Fast-Food-Restaurants oder den Erwerb von Zuckerbrausen, wäre vorstellbar. Doch noch ist die Bevölkerung von der Einführung drastischer Maßnahmen im Kampf gegen Übergewicht, die sie im Bereich der Tabakprävention weitgehend zu akzeptieren scheint, wenig überzeugt, wie führende Adipositasexperten erst kürzlich einräumten. Maßnahmen, die notwendig wären,  um den Trend bei Adipositas und Übergewicht umzudrehen, entsprächen demnach »nicht den gegenwärtig häufigen Wertvorstellungen und Wünschen der Menschen, die eher durch Gewinn, Konsum, Genuss und Lebensfreude charakterisiert sind. Die genannten Strategien würden deshalb zu erheblichen Einschnitten in die Gesellschaft führen. Hiervon wären nicht nur übergewichtige, sondern auch normalgewichtige Personen betroffen. Keine der genannten Maßnahmen hat eine ausreichende wissenschaftliche Evidenz. Aber die bisherigen Präventionsstrategien zur Bekämpfung des Rauchens deuten darauf hin, dass nicht immer gewartet werden muss, bis sich eine spezifische Maßnahme als nachweislich wirksam herausstellt.« 2

Um die Bevölkerung auf weitergehende Maßnahmen einzustimmen, ist eine gebetsmühlenartige Wiederholung der mit Adipositas assoziierten Gesundheitsgefahren nicht ausreichend. Ohne einen Sündenbock wird sich der für eine Radikalisierung der Maßnahmen notwendige Stimmungsumschwung schwerlich herbeiführen lassen. Doch wer soll diesen Sündenbock abgeben? Die Dicken oder die Dickmacher?

Idealtypisch gibt es zwei Tatverdächtige im Fall Dicke Kinder. Unverantwortliche Eltern, die ihren Erziehungsauftrag nicht nachkommen und unverantwortliche Konzerne, die Kinder und deren unaufgeklärte Eltern zum Konsum fett-, süchtig- und dumm machender Lebensmittel verführen. In einem klassischen Links/Rechts Schema sucht die konservative Rechte die Schuld bei den Eltern bzw. abhängig vom Alter bei den Kindern und Jugendlichen selbst. Ihre Verantwortungslosigkeit könnten diese nicht den legitimen Geschäftsinteressen von Unternehmen anlasten, entsprechend hätten sie die Folgen ihres Handelns selbst zu tragen, wird argumentiert. Die Linke wiederum erklärt die dicken Kinder und Jugendlichen zu Opfern skrupelloser Konzerne. Dass sie dabei deren vermeintlich wehrlose Opfer in paternalistischer Weise entmündigt, stört sie nicht. Ziel beider Problematisierungsvarianten ist letztlich die Verwertbarkeit der kommenden Generation zu gewährleisten. Alle sollen dieselben Chancen haben sich im Wettbewerb zu behaupten, darin sind sich die Kontrahenten grundsätzlich einig. Gestritten wird lediglich darüber, wie diese Chancengleichheit am effektivsten gewährleistet werden kann.

Kinderschänder Ronald Mc Donald

Wird sich für die »linke« Problematisierungsvariante entschieden, fällt früher oder später der Name Mc Donald's. In der Tat eignet sich Mc Donald's in vielfacher Weise zur Rolle des Bösewichts, dem stellvertretend für das Elend der Welt der Kampf angesagt werden kann. Ob Tier- oder Umweltschützer, Gewerkschafter oder Autonome, Nationalisten oder Globalisierungsgegner, ob der britische Thronfolger Prince Charles oder der französische Schafszüchter Jose Bové, alle projizieren ihre je unterschiedlichen Feindbilder auf den international agierenden Burgerbrater. Manchen gilt Mc Donald's als einer der größten Fleischverarbeiter weltweit und damit als Förderer der Massentierhaltung, anderen als Vernichter des Regenwaldes, wieder anderen als skrupelloser Lohndrücker, als Zerstörer lokaler und nationaler Esskulturen, als Magnet für unerwünschte Eindringlinge in die behütete Nachbarschaft und neuerdings verstärkt als Verführer unschuldiger Kinder und Hauptschuldiger der Übergewichtsepidemie.

Die Anti-Mc Donald's Bewegung war von Anfang an sehr heterogen und in ihrem unbekümmerten Nebeneinander von emanzipatorischen und antikapitalistischen sowie antiamerikanischen, elitären und esoterischen Argumentationsmustern und Motivationen den Grünen in ihren Anfangsjahren nicht unähnlich. Neu ist, dass der Anti-Mc Donald's Protest zunehmend im politischen und ökonomischen Mainstream beheimatet ist.

In den USA trat Morgan Spurlock in dem Dokumentarfilm »Super Size Me« mit Waschbrettbauch, Musterbizeps und Stars and Stripes Slip an, um die Welt vor Mc Donald's zu warnen. Spurlocks »Experiment«  sich dreißig Tage lang ausschließlich von Mc Donald's Produkten zu ernähren, endete mit einer Gewichtszunahme von mehreren Kilos, einem beinahe Nierenschaden und angeblicher Suchtsymptome. Spurlocks Mc Donald's Kritik, die Millionen Menschen im Kino verfolgten, lässt sich auf den Vorwurf reduzieren, dass Mc Donald's Produkte dick, krank und süchtig machen. Akademische Unterstützung bekommt Spurlock u.a. von Yale Professor Brownell, der in den Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie den Hauptgrund für die epidemische Verbreitung von Übergewicht in den USA sieht.

In Berlin-Kreuzberg ist es nun die Initiative Mc Widerstand, die mit freundlicher Unterstützung des Linken Vorzeige-Grünen Christian Ströbele im Namen des Kindeswohls die Ansiedlung der Fast Food Kette verhindern möchte. Transparente mit Aufschriften wie »Kinder sind unsere dicke Zukunft«  oder der Gleichung »Mc Donald's = Fat ²«  geben die Richtung des Protestes vor. Auf der Webseite der Initiative Mc Widerstand findet sich unter der Rubrik Materialien ein Link zum nationalen Aktionsplan »Fit statt Fett« der Bundesregierung. Ein Aufruf der sich besonders militant gerierenden Gruppe »Mc Risiko«  beginnt mit den Worten »Fast 40 Millionen Bundesbürger sind zu dick, davon allein 2 Millionen Kinder. (...) Es ist durchaus kein Geheimnis, dass der Grundstein für eine gesunde Ernährung schon im Kindesalter gelegt wird. Nun soll hier in Berlin Kreuzberg, in der Wrangelstrasse 35, ein Mc Donald's eröffnet werden, genau gegenüber einer Schule«. Angesichts solcher unhaltbaren Zustände wird sogar ein Eingreifen des Senats verlangt. Leider hat das Argument einen kleinen Schönheitsfehler. Die Schule, die dem geplanten Mc Drive gegenüberliegt ist eine Fachschule für kaufmännische Berufe, die Schüler sind überwiegend volljährig. Doch schließlich gibt es ja noch andere Schulen in Berlin-Kreuzberg und so argumentiert auch die Vorsitzende von Mc Widerstand, Sarah Miller, mit dem Wohl der 7000 Schüler im Einzugsbereich der geplanten Filiale. »Man muss die Kinder davor schützen, Fast Food zu essen«, glaubt sie. Noch weiter geht ein nicht namentlich genannter Vertreter derselben Bürgerinitiative. »Dass Mc Donald's mitten in einem Wohngebiet mit drei Schulen baut, ist so, als ob man Drogen frei verkaufen würde«, zitiert ihn Spiegel Online.

Deutlicher kann man die Analogien zwischen »War on Fat« und »War on Drugs« kaum zum Ausdruck bringen. In beiden Fällen wird eine symbolisch aufgeladene Substanz zur Ursache gesellschaftlicher Missstände erklärt und mit inquisitorischem Eifer bekämpft. Die Rolle des Schurken fällt dem Dealer zu, der spätestens dann zur Vergegenständlichung alles Bösen wird, wenn er sich unschuldigen Kindern nähert. Schon Spurlock hatte in »Super Size Me« den Firmenclown Ronald Mc Donald zum Kinderschänder erklärt. In einer Szene im Film werden Zusammenschnitte aus Mc Donald's-Werbespots mit dem Anti-Drogensong »The Pusherman« unterlegt. Durch die Musik und die Verfremdung der Farben wirkt das Mc Donald's-Maskottchen wie ein diabolisch lächelnder Schulhofdealer.

Dass es dabei nicht die eigenen Kinder sind, die von Ronald Mc Donald in die Abhängigkeit getrieben werden, sondern die der unaufgeklärten Unterschicht, steht für Mc Widerstand-Sprecherin Miller außer Zweifel. Ein großes Problem sei die Armut im Kiez. Durch die Strategie von Mc Donald's einzelne Produkte schon für einen Euro anzubieten, würden vor allem Jugendliche aus benachteiligten Familien angelockt. Das sei besonders fatal, da diese Jugendlichen nie gelernt hätten, wie man sich gesund ernährt. Dass diese Jugendlichen niemals eine Universität von innen sehen oder einen angesehenen und guten bezahlten Job bekommen werden, stört Miller und Mitstreiter offensichtlich weniger. Genau wie Spurlock schert sich die Kreuzberger Anti-Mc Donald's Kampagne nicht um die Arbeitsbedingungen in den Filialen der Fast Food Kette. Niedriglohn und Ausbeutung werden in den Positionspapieren und auf den Webseiten der beteiligten Gruppen bestenfalls am Rande erwähnt. Statt Mc Donald's stellvertretend für den gesamten Niedriglohnbereich dazu aufzufordern, höhere Löhne zu bezahlen, wird dem Unternehmen vorgehalten, seine Produkte zu billig zu verkaufen.

Wer so argumentiert wie die Mc Donald's Gegner von Kreuzberg, unterstellt, dass Armut wenig mit materieller Lage und strukturellen Bedingungen und umso mehr mit falschen Konsumentscheidungen zu tun hat, und ist damit neokonservativen Positionen, die Armut individuellen Verhaltensweisen zuschreiben, schon ziemlich nahe gekommen. Es stellt sich dann nur noch die eher technische Frage, ob ein Verbot im Sinne der gewünschten Verhaltensanpassung zielführend ist. In der politischen Praxis wird sich wohl ein Modell durchsetzen, das zwischen den beiden Idealtypen der Schuldzuweisung - Dämonisierung der Industrie und Dämonisierung der Konsumenten -, zwischen autoritativer Regulierung und individueller Eigenverantwortung einen »für alle Beteiligten tragbaren Kompromiss« findet. Der Gewinner dieses diskursiven Ringens um den besten Weg zur Bekämpfung der neuen Volkskrankheit steht ohnehin schon fest. Es ist der Standort Deutschland und die Verwertbarkeit seiner zugerichteten Kinder.


ANMERKUNGEN

1) Alle Zitate von Renate Künast sind aus »Die Dickmacher: Warum die Deutschen immer fetter werden und was wir dagegen tun können«. München, 2004.

2) Müller, Manfred / Reinehr, Thomas / Hebebrand, Johannes (2006): Prävention und Therapie von Übergewicht im Kindes und Jugendalter. In: Deutsches Ärzteblatt 103: 334-340.


« Zurück