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Oktober, 2014:
Ausgabe #9 ist erschienen

Sonja Witte

Zur Psychoökonomie eines Fleischwortes

Einiges zum Vortrag von Theweleit auf dem Bremer Symposium zum Film


Gegenwärtigem Blödsinn alter Männer mit der Erinnerung an ihre klügeren Einsichten aus der Vergangenheit zu begegnen, trägt bekanntlich meist weniger zur Korrektur des Blödsinns bei, kann aber dienlich sein, die Durchsetzung des objektiven Geistes aufzuzeigen, über welche Adorno schrieb: „Indem der gesellschaftlich wirksame Geist sich darauf beschränkt, den Menschen nur noch einmal das vor Augen zu stellen, was ohnehin die Bedingung ihrer Existenz ausmacht, aber dies Dasein zugleich als seine eigene Norm proklamiert, werden sie im glaubenlosen Glauben an die pure Existenz befestigt." (Th. W. Adorno 1995 a, S. 477). So denn auch beim diesjährigen Filmsymposium des Kino 46, welches unter dem Titel „Wort und Fleisch - Kino im Spannungsfeld von Text und Körper" Klaus Theweleit als Starreferenten geladen hatte. Vormals reflektierte dieser in den „Männerphantasien" den Zusammenhang von Männlichkeit und Faschismus und wurde sehr berühmt, weswegen es dann am Samstagabend des Filmsymposiums sehr voll war. Der (Nicht-) Gehalt seiner aktuellen Überlegungen zeichnete sich vortrefflich in der Wortmeldung eines schnauzbärtigen Zuhörers ab, der sich vorab entschuldigte, die Männerphantasien zwar angefangen, aber nie zu Ende gelesen und auch nicht verstanden zu haben. Doch heute Abend sei es ihm anders ergangen: er habe eine Verbindung zwischen sich selbst und Theweleit erspürt, ja, es wäre seit Beginn des theweleitschen Vortrages eine ganz besondere Stimmungw im Raum gewesen, die ihm ganz unerklärlich sei. Wie gesagt, früher wäre es ihm leider schleierhaft geblieben, was er (Theweleit) ihm sagen wolle, doch heute Abend... nun, er wolle nicht sagen, seine Stimme (Theweleits) erinnere ihn an die Stimme seiner Mutter [es handelt sich hier um eine Verneinung im freudschen Sinne!, Vermutung der Autorin], er wolle auch nicht sagen, dass es sich hier um die Bildung eines Kollektivs im Publikum handele [erneute Vermutung der Autorin: Verneinung!]. Nein, es wäre ihm einfach unerklärlich, dieses Gefühl der Bindung zwischen ihm (Schnauzbart) und Theweleit und ob Theweleit sich das erklären könne und ob er desöfteren solche verbindlichen Erfahrungen mit dem Publikum teile. Die Antwort Theweleits hilft der wirklichen Klärung des Sachverhalts wenig weiter (Zusammenfassung: Ich bin mir nicht zu blöd zu sagen, dass ich mich geschmeichelt fühle), wohl aber Fragmente des Inhalts seines Vortrags, welcher den Abgesang auf Versuche darstellte, Subjektivität avancierter denn als pure Existenz zu fassen. Am Ende der Männerphantasien, welches der Schnauzbart bekanntlich nicht kennt, findet sich folgende Warnung vor einer Reduktion der deutsch-faschistischen Massenmanie auf rationale, polit-ökonomische Begründung in Verbund mit männlicher Selbstreflexion im zeitgenössischen Gestus der 80er Jahre: „Das bürgerliche ICH hält die Welt für manipulierbar, beherrschbar, erkennbar; der Gedanke einer Quantifizierbarkeit, einer Psychoökonomie (= Versprechen der Beherrschbarkeit) ist ihm lieb - es ist sich selbst aber ein weißer Fleck auf der Landkarte geblieben oder der dark continent. [...] Was sich dagegen in Zahlen, Tabellen, Statistiken, Materialberechnungen, Investitionskosten, Empirien [...] Belastbarkeit zerlegen läßt, erscheint dem bürgerlichen Mann-Individuum damit auch schon als [...] überschaubar, kontrollierbar, verstehbar. [...] Der gleiche Mangel zeigt sich in der Psychoanalyse, wenn sie die Leiden mit einem Begriff von ‚Gesundheit' angeht statt mit einer Vorstellung menschlicher Möglichkeiten."

(K. Theweleit 1982, S. 408). Diese Analyse mag zutreffend sein, wenn es mehr Schnauzbärte gibt, die trotz (oder wegen) damals abgehaltener Männerbesinnungsrunden derartige Sachverhalte nicht zu fassen kriegen. Verständlich denn auch, dass die Konstatierung eines dritten Körpers heute, in dem sich ein Medium (und hier ging es vorrangig um auditive, in diesem Zusammenhang fand auch die Stimme der Mutter im übrigen Erwähnung) mit dem (hörenden) Subjekt in einem Raum vereinigt (hier also die wundersame Verbindung von Schnauzbart und Theweleit abzuleiten), eingängiger schien. Die mit viel Pomp und Pop vorgetragenen wohlbekannten Versatzstücke psychoanalytischer (Film-)Theorie verknüpfte Theweleit höchst unoriginell mit Erkenntnissen der Neurowissenschaft, weshalb seine Rede vom Gedächtnis als Speicher nur konsequent war. Zur Begründung seiner These, zwischen Medium und Hörendem reaktiviere sich das im Körper gespeicherte in emotionalem Ausnahmezustand (analog der Situation im analytischen Behandlungszimmer), bemühte Theweleit Erkenntnisse der Hirnforscher. Dass die Neurowissenschaft nun den Behauptungen Freuds über das Unbewusste eine Grundlage verschafft hätte, war nicht nur nicht neu zu hören (vielmehr war es das Lieblingsthema des Feuilletons letzten Jahres) sondern wurde damit auch nicht wahrer. Man muss nicht die Neurowissenschaft zum Belzebub machen, um dieses Nichtverständnis abzuweisen, sondern es reicht der Hinweis, dass der Gegenstand der Hirnforschung (dessen Bremer Vertreter Roth Theweleit in Bremen vielfach zitierte) schlicht und einfach ein anderer ist als der der Psychoanalyse, geht es um die Frage nach dem Unbewussten in der gegenwärtigen Erfahrung. Schlägt sich Erfahrenes im Körper nieder, wird der Körper also gleichsam zum Gedächtnisspeicher, ist das ein sicherlich interessantes Phänomen und lässt sich quantitativ „erkennen" und dann vielleicht sogar „manipulieren" und „beherrschen" (vgl. Theweleit). Der Gegenstand der Psychoanalyse ist aber mitnichten die Lehre von der bloßen Speicherung von Geschichte - weder in den Zellen, noch im Gehirn und auch nicht im Unbewussten, sondern die Bedeutung, die bekanntlich nur qualitativ zu bestimmen ist. Die Psychoanalyse hat es weniger zu tun mit der Konservierung von Erlebtem, welches sich, wie Theweleit es formulierte, in einem „emotionalen Ausnahmezustand", wie er sich beim Ansehen eines Godardfilms im Kinoraum bei Theweleit einzustellen vermag, reaktiviert (oder bei schnauzbärtigen Männern, wenn sie sich mit Theweleit einig fühlen). Das Nicht-Bewusste der in den Körper eingegangenen Erfahrung ist nicht das gleiche wie das Unbewusste der Erinnerung, wie Theweleit meinen möchte - und damit gerade die Frage des Körpers in der Erinnerungsarbeit eskamotiert. Der Gegenstand der Psychoanalyse der Prozess des Erinnerns, dessen Eigentümlichkeit darin besteht, dass gerade beim „Wiederöffnen der gespeicherten Dateien" der Effekt der Wiedererkennung niemals vollständig aufgehen kann. Während die Metapher des Speichers suggeriert, die gemachte Erfahrung ruhe im Gedächtnis und kehre unbeschadet wieder, bedeutet die Wiederkehr des Verdrängten bei Freud etwas gänzlich anderes. Die Bedeutung des Erinnerten konstitutiert sich in einem zeitlichen Verhältnis, das konträr zur kausalen und linearen Logik des Speichers steht. Es ist gerade die zwischen dem Zeitpunkt des Erlebten und dem des Erinnerns gemachte Erfahrung, die überhaupt erst das Erfahrene als Vergangenes habhaft und interpretierbar macht. Das Erinnerte ist niemals das, was es gewesen ist und das bedeutet auch das Subjekt als eines zu denken, welches sich der Möglichkeit nach zu sich selbst und seiner Geschichte ins Verhältnis zu setzen vermag. Der Körper interessiert dabei sehr wohl als Ort der Erinnerung. Bekomme ich Atemnot beim Anblick von Zitronen, ist für die Hirnforscher interessant, für die Psychoanalyse aber irrelevant, welche neuronalen Verbindungen zwischen Luftröhre und meiner Netzhaut hergestellt werden. Hier interessiert die Bedeutung der Zitrone, ihre Gewalt über mich und meinen Körper beim Supermarktbesuch.1

Der allseits freudig begrüßte Fundierung der Psychoanalyse durch die Hirnforschung liegt weit weniger der Wunsch zugrunde, Menschen auf ihre pure Existenz zu vereidigen (also gesellschaftliche Verhältnisse als natürliche zu verewigen - „Frauen können nicht Autofahren, wegen ihrem Gehirn"), denn der Traum von der Macht über den Körper (dem technischen Sieg über die Natur - „Die Bearbeitung der Natur/ des weiblichen Gehirns wird das Autofahren der Frau ermöglichen können"). Dem Unbewußten in Hirnarealen habhaft zu werden, verspricht das in den Griff zu bekommen, was in Adornos Worten „ [...] im Subjekt nicht mitkommt, was die Zeche von Fortschritt und Aufklärung zu zahlen hat. Der Rückstand wird zum ‚Zeitlosen'. In ihn ist auch die Forderung von Glück geraten, die in der Tat ‚archaisch' sich ausnimmt, sobald sie einzig auf die verzerrte, von der ganzen Erfüllung abgespaltene Gestalt einer somatisch-lokalisierten Befriedigung zieht, die sich [...] in ‚some fun' verwandelt [...]." (Th. W. Adorno 1995 b, S. 61). Nicht ist Theweleit vorzuwerfen, dass er an die Stelle des Begriffs des Subjekts den eines neuronalen Speicherautomaten setzte (wovor er sich verwahren würde), sondern letzteren zur Beweisführung des ersteren bemühte. Doch damit vermag er vielleicht sogar der Wirklichkeit (zumindest eines Schnauzbartes, der nichts begriffen und trotzdem alles gleichsam automatisch in Szene setzte) näher zu kommen, als die Aktualität der Wahrheit der freudschen Lehre zu behaupten, die auf die Emanzipation des Ichs und damit auf „die Vorstellung menschlicher Möglichkeit" (vgl. Theweleit oben) zielt, gerade indem sie von der Macht des Unbewussten zu sprechen weiß. Vertrieb die Postmoderne den Körper aus dem Begriff des Subjekts, scheint sich in der Theorie eine Wiederkehr des Körpers anzudeuten, die ein Subjekt zu verjagen sucht, was sich schon längst an seinen Arbeitsplatz und mit some fun in den Feierabend verzogen hatte. 

 

Literatur:

- Th. W. Adorno 1995 a: Beitrag zur Ideologienlehre; in: Soziologische Schriften I,
Frankfurt a.M., 2. Auflage, S. 457- 476

- Th. W. Adorno 1995 b: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: s.o., S. 42- 85

- K. Theweleit 1982: männerphantasien 2. männerkörper - zur psychoanalyse des weißen terrors, Hamburg, 2. Auflage

 

ANMERKUNGEN

1) Dieser Sachverhalt verweist auf schwerwiegendere, nicht zuletzt auf die Bedeutung des Geschlechts als Niederschlag eines gesellschaftlichen Verhältnisses im subjektiven Bedeutungshaushalt, welches ebenso wenig ohne meinen Körper erfahrbar ist wie meine Atemnot.



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